Kirche und Welt

Donnerstag, 14. April 2016

Angst vor Zukunft lähmt nur

Caritas appelliert an Kommunen: Demografischen Wandel gestalten

Computerkurs für Senioren. Die Gesellschaft in Deutschland altert. Darauf müssten Regierung und Kommunen deutlicher reagieren, fordert die Caritas. Foto: KNA

Deutschland altert, schrumpft und wird durch Einwanderung bunter. In einigen Regionen wird es schwierig, öffentliche und soziale Dienste sicherzustellen. Die Caritas sucht nach Auswegen.„Der demografische Wandel geschieht, gestalten lässt er sich kaum.“ Gegen Sätze wie diesen wendet sich der Deutsche Caritasverband. Für drei Jahre – von 2015 bis 2017 – hat der katholische Wohlfahrtsverband den demografischen Wandel zu seinem zentralen Thema gemacht. Am 11. April veröffentlichte er in Berlin zusammen mit dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung eine Studie, die deutlich machen soll, dass sich die Veränderungen sehr wohl gestalten lassen. Und dass es nicht nur um Senioren- und Altenpolitik, Schrumpfprozesse und Niedergang geht.

„Angst lähmt nur. Stattdessen wollen wir Kreativität freisetzen, Neues gestalten und die Chancen aufzeigen“, so die Caritas, die mit mehr als einer Million Beschäftigten zu den größten privaten Arbeitgebern in Deutschland gehört und in vielen Städten und Gemeinden durch soziale Angebote, Beratungseinrichtungen oder Pflegedienste präsent ist.

Caritas-Präsident Peter Neher appellierte insbesondere an die Städte und Gemeinden, den demografischen Wandel nicht wie eine Naturgewalt über sich ergehen zu lassen. „Wenn die sozialen Dienstleistungen in die kommunale Planung einbezogen werden und der Sozialraum vor Ort gemeinsam mit den Bürgern gestaltet wird, sind die Erfolge für Lebensqualität, den Zusammenhalt der Generationen und für die Zukunftsfähigkeit am größten“, betonte er. Größten Handlungsbedarf sieht die Caritas in Ostdeutschland, wo der Wandel schon weit voran geschritten sei.

Fest steht: Die Bevölkerung in Deutschland wird weniger, älter und bunter. Allerdings gilt das zunächst nur für eine Übergangsphase von drei bis vier Jahrzehnten: „Danach wird sich unsere Gesellschaft wieder auf eine gleichmäßige Bevölkerungsstruktur einpendeln“, betont die Studie.

Zugleich zeigt der Caritasverband, dass es keine einheitliche bundesweite Strategie geben kann. Ländliche Regionen Ostdeutschlands lassen sich nicht mit westdeutschen Ballungszentren vergleichen. Selbst in Nordrhein-Westfalen sind die statistischen Diagramme zu Alterung, Zuwanderung, medizinischer Versorgung und Pflegesituation völlig unterschiedlich. „Folglich muss der soziodemografische Wandel in erster Linie auf regionaler und lokaler Ebene gestaltet werden“, heißt es in der Studie.

Gefordert sind laut Caritas-Studie in erster Linie die Politiker: Die medizinische Versorgung im ländlichen Raum, Mobilität, auch die Verfügbarkeit von Wohnraum oder die Finanzen der Sozialkassen werden nicht vor Ort, sondern auf höherer Ebene entschieden. „Ohne politische Lobbyarbeit geht es nicht“, heißt es in der Analyse. Hier will die Caritas als bundesweit tätige Organisation eine stärkere Rolle als politischer Akteur übernehmen. So spricht sie sich etwa für ein kommunales Wahlrecht für Jugendliche ab 16 Jahren und für Ausländer aus, die seit mindestens fünf Jahren rechtmäßig in Deutschland leben, damit deren Interessen mehr Gewicht erhalten. Auch flexiblere Übergänge vom Berufsleben in die Rente oder eine Einbeziehung weiterer Einkommensarten in die Sozialversicherungen gehören zu den Forderungen.

Aufgabe der Kommunen und der Sozialverbände vor Ort ist es nach Meinung der Caritas, Netzwerke zu schaffen, Solidarität zwischen den Generationen zu ermöglichen und insbesondere die Erwartungen der Bürger mit einzubeziehen. So müssten Bürgerzentren geschaffen und das Ehrenamt gestärkt werden. Soziale Dienste müssten stärker zusammenarbeiten, Schnittstellen zwischen Krankenhäusern, Pflegediensten und Beratungsangeboten verbessert werden. Bei alledem fordert die Caritas eine deutliche Orientierung am Willen der Bürger: „Damit auch hilfsbedürftige Menschen weitgehend eigenständig und dennoch in Gemeinschaft und gut versorgt leben können, bedarf es geeigneter Wohnformen und solidarischer Nachbarschaften.“

Einen Rollenwandel für sich selber sieht der Wohlfahrtsverband auch vor Ort. Die Caritas werde weiter Beratungs- und Pflegedienste anbieten, jedoch zunehmend als sozialpolitischer Akteur auftreten und zusammen mit anderen die Gemeinwesen mitgestalten. (Christoph Arens, kna)

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