Geistliches Leben

Donnerstag, 23. März 2017

Auch Lebende müssen auferstehen

Die Nähe der Gegenwart Gottes schenkt uns das Leben – Gedanken zum Johannes-Evangelium 11, 3–7.20–27.33b–45 von Pastoralreferentin Regina Mettlach

Der Prophet Ezechiel entstammt einer priesterlichen Familie. Er gehört zu den Mitgliedern der Oberschicht seines Volkes, die 597 vor Christus vom babylonischen König Nebukadnezzar in die Verbannung nach Babylonien geführt werden. Dort, im babylonischen Exil, wird Ezechiel von Gott zum Propheten berufen.

Im 37. Kapitel des Ezechielbuches wird eine der bekanntesten Visionen des Alten Testamentes geschildert: die Totengebeinvision. Ezechiel sieht eine Ebene voller Gebeine und Skelette. Der Prophet erlebt, wie Gott die toten Gebeine zum Leben erweckt, wie Gott das Ausgetrocknete, das hoffnungslos Verlorene mit Fleisch und Blut erfüllt und mit Geist belebt.

Es geht in diesem Text, der so anschaulich von der Auferstehung zu sprechen scheint, ursprünglich um die Erneuerung Israels. Israel im babylonischen Exil ist ein Volk ohne Hoffnung, es ist so gut wie gestorben und begraben. Dazu kommt, dass das Volk in Gefahr ist, sich den fremden Göttern zuzuwenden. Aber Gott will, dass sein Volk lebt, er führt es aus seinen Gräbern heraus und führt die Gefangenen in die Heimat zurück. Die zentrale Sorge im Alten Testament kreist nicht um das Jenseits, sondern um den Zustand des Gottesvolkes hier in dieser Welt. Der Tod, vor dem man sich wirklich fürchten muss, ist die Gottferne, die lebensgefährliche Erstarrung des Gottesvolkes, sein Unglaube, seine Trägheit.
So wird dem in diesem Sinne toten Israel vom Propheten Ezechiel verheißen: „Ich öffne eure Gräber. Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig.“ Erst spätere jüdische und christliche Deutungen sehen in diesem Text ein Bild für die Auferstehung von den Toten.

Es gibt also nicht nur eine Auferstehung der Toten, sondern auch eine Auferstehung der Lebenden. Die Gräber mitten im Leben sind vielfältig. Sie können heißen: Einsamkeit, Hunger, Heimatlosigkeit, Sinnlosigkeit, Oberflächlichkeit, Hartherzigkeit, Ungerechtigkeit, Genusssucht, Unzufriedenheit, Unglaube …
Auch das Evangelium des fünften Fastensonntags können wir in diesem Sinn deuten: Jesus ruft den Lazarus heraus aus seinem Grab: Komm heraus, sei lebendig! Lass hinter dir, was dich einschnürt, gefangen hält und am Leben hindert. Lazarus im Grab, das sind auch wir. Der Ruf „Komm heraus!“ gilt auch uns. Komm heraus aus der immer enger werdenden Welt deiner privaten Wünsche und Träume, wo deine Hände und Füße wie bei Lazarus gebunden sind, wo dein Gesicht verhüllt ist und wo dich schon der Verwesungsgeruch des Todes umgibt. Jesus ruft uns aus dem Grab unserer Enttäuschungen und Verletzungen heraus. Er löst uns die Binden unserer Ängste und Zweifel.

Das Evangelium von der Auferwe-ckung des Lazarus ist ein Glaubenstext, kein Tatsachenbericht. Es spricht davon, dass die Macht Gottes den Tod durchbricht, selbst wo er endgültig erscheint. „Ich bin die Auferstehung und das Leben“, sagt Jesus. „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ Es ist die Nähe der Gegenwart Gottes, die uns befreit, die unsere Gräber öffnet, die Gräber der Toten und die der Lebenden.

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