Kultur

Donnerstag, 28. Juli 2016

Auf den Spuren verloren gegangener Größe

Heinrich Kaminskis Werk ein Schwerpunkt bei den Internationalen Musiktagen Dom zu Speyer

Organisationsteam der Heinrich-Kaminski Chorgemeinschaft: Simon Reichert, Ulrich Loschky, Reinhild Müller Hasse, Dr. Manfred Peters, Siegward Pfalzgraf und Dieter Hauß (von links). Foto: Zimmermann

Die Internationalen Musiktage Dom zu Speyer (17. September bis 8. Oktober) legen dieses Jahr – neben barocker Musik und zeitgenössischen Klängen – einen Schwerpunkt auf Werke von Heinrich Kaminski  (1886 bis 1946). Auf den „Spuren verloren gegangener Größe“ lautet der Titel des von Ulrich Loschky (Neustadt) initiierten Projektes, das den in der Nazizeit verfemten Komponisten Heinrich Kaminski in den Mittelpunkt stellt.

Loschky, ehemaliger Neustadter Bezirkskantor, hat für das Chorsinfonische Konzert am 24. September im Speyerer Dom die „Heinrich-Kaminski-Chorgemeinschaft“ gegründet. Zu dem etwa 100-köpfigen Projektchor zählt sein Neustadter Vokalensemble, das Vokalensemble Kaiserslautern unter Siegward Pfalzgraf, der Speyerer Mozartchor mit Dieter Hauß sowie die Stiftskantorei und Studierende des kirchenmusikalischen Seminars Neustadt, Leitung Bezirkskantor Simon Reichert. Daneben hat Loschky gemeinsam mit Dr. Manfred Peters (Weisenheim), ein Großneffe Kaminskis, ein wissenschaftliches Symposion entwickelt sowie Solisten und Ensembles für weitere Kaminski-Konzerte im Rahmen des Musikfestivals gewonnen.

„Die Dommusik Speyer unter Leitung von Domkapellmeister Markus Melchiori war von der Idee, Kaminski einen besonderen Stellenwert einzuräumen, sehr angetan. Wir haben sozusagen offene Türen vorgefunden. Ganz wichtig war Peters und mir, die gesamte Komponisten-Persönlichkeit von Kaminski darzustellen“, so Loschky.

Wie ein roter Faden ziehen sich Kaminski-Werke durch das Programm. So spielt am 22. September (20 Uhr) beim Dom-Kryptakonzert das „Minguet-Quartett“ Streichquartette Kaminskis. Bei einem wissenschaftlichen Symposion am 24. September, 11 Uhr, stehen Forschungsergebnisse und Erfahrungsberichte zu Kaminski auf dem Programm. Referenten in der Heilig-Geist-Kirche (Johannesstraße 6) sind Dr. Christian Schwarz-Schilling, Professor Frieder Bernius, Dr. Albrecht Dümling, Professor Dr. Dieter Schnebel sowie Ulrich Loschky und Dr. Manfred Peters. Die Heinrich-Kaminski-Chorge-meinschaft singt am 24. September, 20 Uhr, unter anderem das Magnifikat für Sopran, Viola, Orchester und Fernchor. Den Orchesterpart übernimmt die Deutsche Kammerakademie Neuss. Dr. Christian Schwarz-Schilling, Bundesminister a.D., referiert über „Zwei Komponisten in schwieriger Zeit“. Sein Vortrag widmet sich Kaminski und seinem Vater Reinhard Schwarz-Schilling (1904 bis 1985), von dem ebenfalls eine Kantate zu hören ist. Domorganist Markus Eichenlaub stellt am 25. September, 20 Uhr, im Dom Choralvorspiele und Kaminskis Toccata „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ vor. Abschließender Höhepunkt ist das A-Capella-Konzert am 8. Oktober mit dem Kammerchor Stuttgart unter Leitung von Frieder Bernius. In der Friedenskirche St. Bernhard (Hirschgraben 3) erklingen Motetten und Kaminskis „Messe in Deutsch“.

Heinrich Kaminski wurde 1886 im Schloss Tiengen bei Waldshut als Sohn des altkatholischen Pfarrers Paul Kaminski und der Heidelberger Opernsängerin Mathilde Barro geboren. Zunächst begann er eine Banklehre, wechselte dann zum Studium der Staatswissenschaften in Heidelberg. 1907 begann er sein Musikstudium in Berlin. Später war er als Klavierlehrer in Benediktbeuren tätig, zusätzlich als Chorleiter und Kompositionslehrer in Berlin. An der dortigen Akademie der Künste erhielt er eine Professur in Nachfolge von Hans Pfitzner. Zu seinen Schülern in der Meisterklasse zählten unter anderen Carl Orff, Heinz Schubert und Reinhard Schwarz-Schilling. Auch nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten schätzte man seine Musik, die Reichsmusikkammer nahm ihn 1938 als Mitglied auf. Bei der Überprüfung seiner Ahnen wurde er allerdings 1941 als Vierteljude eingestuft, seine Großmutter war Jüdin.

Es folgten Aufführungsverbote seiner Werke, er selbst floh nach Frankreich und danach in die Schweiz. Zeitlebens überaus bekannt und in der politikfreien Musikwelt geschätzt, gerieten Kaminskis Werke nach seinem Tod 1946 in Vergessenheit. Kaminskis Chorkompositionen bilden das Herzstück seines Schaffens, aber auch die Orgelwerke und Kammermusiken faszinieren durch ihre kontrapunktische Komplexität. Ein besonderes Augenmerk widmete er den Aufführungsstätten, zentrales Thema ist die räumliche Anordnung von Schallrichtungen, also die Platzierung von Mitwirkenden an unterschiedlichen Stellen im Kirchenraum. (az)

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