Aus dem Bistum

Mittwoch, 25. November 2015

„Auf uns rollt ein Armuts-Tsunami zu“

Rentenexperte und Autor Holger Balodis Gastredner bei der „Allianz gegen Altersarmut“ in Kaiserslautern

Allianzsprecher Hans Mathieu mit Dagmer Hühne und Referent Holger Balodis (von links). Foto: Jung

Die deutschen Rentner haben immer weniger Geld in der Tasche, und keine Kehrtwende ist in Sicht. Diesen beängstigenden Trends nimmt sich die „Allianz gegen Altersarmut“ an und lud am 5. November ins Edith-Stein-Haus Kaiserlautern zum Vortrag „Wer macht eigentlich die Altersarmut?“. Eine Frage, auf die Gastreferent Holger Balodis, Rentenexperte und Autor, aufschlussreiche Antworten lieferte.

„Senioren gelten heute oft als eine privilegierte Truppe“, eröffnete Allianz-Sprecher Hans Mathieu seine Begrüßungsrede. „Aber wir sind an einem Scheideweg angelangt. Millionen von Menschen werden in den kommenden Jahren von ihrer Rente nicht mehr leben können.“ Eine Situation, zu der die Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt und die Rentenpolitik seit der Jahrhundertwende beigetragen hätten, richtete er seine Kritik gen Berlin. Die Hartz IV-Gesetzgebung sei ebenso wie Leiharbeit und Niedrig­löhne ein Armutsförderprogramm. Lobbyisten hätten sich als fünfte Gewalt etabliert mit dem einzigen Ziel, die Kassen der privaten Rentenversicherer klingeln zu lassen.

Den Aspekt griff Holger Balodis nicht nur in seinem anschließenden Referat auf. „Garantiert beschissen! Der ganz legale Betrug mit den Lebensversicherungen“ lautet auch der provokante Titel seines neuen Buches, das er gemeinsam mit Ehefrau Dagmar Hühne auf den Weg gebracht hat. Beide waren 25 Jahre als Fachautoren für diverse Magazine der ARD tätig und sind Experten in puncto Altersvorsorge, Finanzen und Versicherungen.

„Auf uns rollt ein Armuts-Tsunami zu. Die Regierung hat es nur noch nicht erkannt oder sie ignoriert es“, stieg Balodis in das Thema ein. Dabei sei es die Politik gewesen, die die gesetzliche Rentenversicherung an die Wand gefahren habe. Eine Malaise, die mit Rot-Grün Ende der 1990er Jahre ihren Anfang genommen habe, durch Absenkung des Rentenniveaus, Riester- und Hartz IV-Reform, Verqui-ckung von Wirtschaft und Politik mittels zunehmenden Einflusses der Lobbyisten. Parallel dazu sei durch Manipulation der öffentlichen Meinung die Angst vor dem Demografiewandel geschürt worden, um die Menschen zur privaten Vorsorge zu drängen. „Doch die einzigen, die davon profitieren, sind die Versicherer und die Rentenpropheten. Sie haben ihre Thesen versilbert, während die Bürger drauflegen“, sagte der Gastredner und führte ein Beispiel an. „Von den 16 Millionen, die Riesterverträge laufen haben, bekommen nur sechs Millionen die volle Zulage.“

Noch immer werde Altersarmut als Nischenproblem abgetan. „Dabei verdient knapp die Hälfte der insgesamt 43 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland so schlecht, dass ihre Rente unterhalb der Grundsicherung liegen wird“, so seine düstere Prognose. Daran könne auch der Mindestlohn nichts ändern. „Wer ihn bekommt und 40 Jahre Vollzeit arbeitet, wird es auf eine Rente von 498 Euro bringen, Minijobber erhalten nach 40 Jahren gerade mal 161 Euro.“

Bis 2030 werde das Rentenniveau um ein Drittel sinken. Hinter der Kürzungsstrategie stecke ein Paradigmenwandel. Diente früher die Rente der Sicherung des Lebensstandards und der Armutsvermeidung, gehe es heute nur noch um Beitragsstabilität und Stärkung der Finanzwirtschaft durch private Vorsorge. Eine Demontage des Sozialsystems, die völlig überflüssig sei. Die bessere und einzig sinnvolle Alternative sieht der Experte in der Weiterentwicklung der gesetzlichen Rente. „Wenn sie nicht angelegt, sondern in einem direkten Verfahren umgelegt wird, ist sie krisenresistent, und noch nicht einmal die Inflation knabbert an ihr.“ Weiterhin plädierte er für einen Stopp der Riester-Rente, eine Ausweitung der Beitragsbemessungsgrenze und eine faire Beteiligung des Staates. Um eine Kurskorrektur zu bewirken, dürfe man die Politik nicht in ihrem Tun gewähren lassen. Man müsse kraftvoll dagegen opponieren, unterstrich Balodis, bevor er sich den Fragen der Gäste stellte. (red)

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