Geistliches Leben

Donnerstag, 22. Februar 2018

Auferstehen von den Toten

„Sie fragen einander, was das sei“ – Und wir? – Gedanken zum Markus-Evangelium 9, 2–10 von Professor Hans Kirsch

Unsere Bibel besteht aus vielen Texten, geschrieben von vielen Verfassern, gerichtet an verschiedene Adressaten in unterschiedlichen Situationen, Zeiten und Kulturen. Das Wort „Text“ bedeutet ursprünglich „Gewebe“, bezeichnet also ein Geflecht von Wörtern und Sätzen. Sie stehen untereinander sowie mit anderen Texten in Beziehung. Je intensiver man diesen Beziehungen nachgeht, desto deutlicher kann man den im Text enthaltenen Sinn erkennen, den wir bei der Bibel „Wort Gottes“ nennen. So entgeht  man dem „wortgetreuen“ Fundamentalismus, der den Text von seinen Bezügen abtrennt.  Nur so lernen wir, reflektiert und überzeugend von Gott zu sprechen, statt leer gewordene Formeln als Beweis rechten Glaubens aufzusagen. Markus stellt das Geschehen auf dem „hohen Berg“ in die Mitte des Gesamttextes und macht es zum Zentrum seines Glaubenszeugnisses. Er verbindet hier christliche mit jüdischer Bibel, Gott mit der Welt und Kreuz mit Auferstehung.

Im Leben Jesu gab es zwei große Entscheidungen: am Anfang die, vom privaten Nazaret ins öffentliche Galiläa zu wechseln; in der Mitte die, nach Jerusalem zu gehen und das Kreuz auf sich zu nehmen. Im heutigen Evangelium verbindet Markus beide miteinander und mit dem Ende seines Evangeliums (16,1–8). Angesichts der miserablen Zustände in seinem Land konnte der dreißigjährige Zimmermann Jesus nicht untätig daheim bleiben. Es zog ihn an den Jordan zu Johannes, der ein radikales Umdenken forderte. Nach seiner Taufe kam der Geist auf ihn herab und „es geschah“, heißt es wörtlich, dieselbe Stimme wie später auf dem „hohen Berg“: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden“; also göttliche Bestätigung  für sein Vorhaben. Jetzt machte er sich auf den Weg nach Galiläa, wo er die befreiende und heilbringende Botschaft vom Reich Gottes verkündete und lebte.  Besonders die kleinen Leute spürten, wie durch  ihn neues Leben erwachte. Man spürte: so kommt gutes Leben für alle in Gang.

Die Reichen und Mächtigen in Jerusalem sahen dadurch ihre Positionen und Privilegien gefährdet. Sie beschlossen Jesus zu beseitigen. Die politische Seite seiner Reich-Gottes-Verkündigung war ins Spiel gekommen. Wer die legalen und illegalen Mechanismen und Strukturen aufdeckt, die Ausbeutung und Armut erzeugen und aufrechterhalten, lebt gefährlich. Jesus steht vor der Entscheidung: Schweigen, Rückzug ins Private, Beschränkung aufs „rein Religiöse“, oder seiner Mission treu bleiben und sein Leben dafür einsetzen.

Mit drei ausgewählten Jüngern steigt er auf einen „hohen Berg“. Mose und Elija erscheinen und sprechen mit ihm. Mose wohl über die Stimme aus dem brennenden Dornbusch mit dem schwierigen Auftrag: Geh zum Pharao und führe mein Volk aus dem Sklavenhaus Ägypten heraus! Auch über den langen Marsch durch die Wüste und die Übergabe des Gesetzes auf dem Sinai wird er gesprochen haben. Elija erinnerte wohl an seinen prophetischen Kampf gegen falsche Götter, an seine Flucht und totale Erschöpfung; auch an die Unterkunft bei der Witwe von Sarepta. Es wird deutlich: Jesus befindet sich also in bester jüdischer Tradition, im Vertrauen auf Jahwe Unmögliches zu wagen. Er wird zum Gang nach Jerusalem ermutigt und die drei Jünger werden über dessen Notwendigkeit belehrt.

„Er wurde vor ihren Augen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß“. Markus stellt hier Jesus als den Auferstanden vor, auf den er am Ende seines Evangeliums zurückverweist. In der Grabkammer am Ostermorgen sagt „der junge Mann zur Rechten, bekleidet mit einem weißen langen Gewand“ zu den drei Frauen: „Jesus sucht ihr, …, den Gekreuzigten; er ist auferstanden, nicht ist er hier. Aber geht … Er geht voran euch nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. “ Markus bringt so das Auferstehungsgeschehen in die Mitte des Textes und damit ins Zentrum seines Evangeliums. Die Auferstehung wird so zum Schlüssel für das gesamte Leben und Wirken Jesu.

Zwei wesentliche Ergebnisse für Jesus, die Jünger und uns: 1. Gekreuzigte werden auferstehen! Kreuz und Auferstehung sind miteinander verklammert, ebenso Gott und Welt, Mystik und Politik. 2. Auferstehung findet in „Galiläa“, in der Welt statt. Wie das geht, hat Jesus in Wort und Tat vorgemacht und in vielen Gleichnissen erläutert. „Und es geschah eine Wolke, überschattend sie, und es geschah eine Stimme aus der Wolke: Dies ist mein geliebter Sohn; hört auf ihn!“ Dass „es geschah“ erinnert an das Schöpfungsgedicht am Anfang der Bibel. Wenn wir tätig auf Jesus hören, teilen statt zu horten, dienen statt zu herrschen, uns an die Seite der Armen und Bedrückten stellen, geschieht „Neuschöpfung“ in schwieriger Zeit.

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