Geistliches Leben

Mittwoch, 24. August 2016

Aufrücken

Das Gleichnis vom obersten und untersten Platz – Gedanken zum Lukas-Evangelium 14, 1. 7–14 von Barbara Sedlmeier

Ein großes Fest steht an und die Vorbereitungen nehmen ihren Lauf. Einladungen werden ausgesprochen und verschickt. Vieles ist zu tun. Die Gastgeber wünschen sich frohe und zufriedene Gäste. Sie überlegen sich eine Tischordnung, weil sich nicht alle Gäste kennen. Es soll ja niemand dem Stress ausgesetzt sein, sich einen Platz suchen zu müssen.

Vielleicht haben Sie auch schon große Feste organisiert – die Hochzeit, runde Geburtstage … Oder Sie waren eingeladen und froh darüber, dass Ihre Gastgeber Ihnen einen Platz zugeteilt haben.

Unser Evangelium handelt von einem Fest. Jesus  ist zum Essen eingeladen am Sabbat bei einem Pharisäer. Es ist ein konventionelles Gastmahl. Es gibt keine Platzkärtchen.  Zu den offensichtlichen Regeln der Etikette gehört es, weder Gastgeber noch Gäste zu kompromittieren. Aber genau das tut Jesus. Er belehrt zuerst die Gäste und dann den Gastgeber. Jesus ist kein Moralapostel. Es geht ihm nicht um Etikette oder einen Benimm-Kurs über Tischsitten. Jesus kommt bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf sein Lieblingsthema zu sprechen – auf Gott und den Menschen. Mit dem, was er zu sagen hat, stellt er die Welt auf den Kopf.

Wenn er die Platzwahl kritisiert, hat er wahrscheinlich nicht ein Fest unter Freunden und in der Familie im Blick, bei dem man miteinander isst, erzählt, offen diskutieren kann, sich über das Miteinander freut und gestärkt an Leib und Seele nach Hause geht.  Vielmehr wendet er sich gegen Feste, bei denen sich Gastgeber und Gäste zum eigenen Vorteil ins beste Licht rücken wollen. Und im Hinterkopf schweben die Gedanken: „Ob und wieweit lohnt es sich, einander zu begegnen? Was kommt im Kontakt mit dem anderen für mich heraus?“ Tage oder zumindest Stunden zuvor begannen die Überlegungen: „Wie kleide ich mich? Auf welche Gespräche stelle ich mich ein? Bin ich in den Augen der anderen Gesprächsteilnehmer auch würdig genug, gut genug und attraktiv genug?“ Damals vor zweitausend Jahren war das nicht anders als heute.

Gnadenlos ist oftmals der Konkurrenzkampf um den ersten Platz, und Jesus meint, dass dieser prinzipiell nie zu gewinnen ist. Dieser Kampf hält den Menschen in seinen Ängsten gefangen.

Jesus erläutert der damaligen Gesellschaft und heute uns, was vor Gott gilt, nicht vor den Menschen. Eingeladen sind wir als Menschen an die Tafel Gottes. Unsere Würde und unsere Größe besitzen wir als Menschen und Personen, wir müssen sie nicht erst erkämpfen und auch nicht verteidigen.

Unser Leben ist uns geschenkt, wir sind ins Leben eingetreten durch Gnade. Jesus bezeugt in und durch sein Leben, dass unser menschliches Miteinander entscheidend davon abhängt, wie wir zu Gott stehen. Er ermutigt uns zu einem „neuen“ Denken: Sie und ich – wir sind Eingeladene. Wir müssen nicht um die Eintrittskarte kämpfen, wir müssen nicht erst durch Leistung und Anstrengung beweisen, wer wir sind. Wir sind erwünscht im Leben und sollen da sein in dieser Welt. Wir dürfen unser Leben sehen als eine Vorbereitung für ein königliches Mahl. Dieser König ist nicht mit Händen zu greifen und sein Tisch nicht an einem bestimmten Ort festzumachen.

Aber wir schmecken und riechen, sehen und hören jetzt schon etwas von diesem Königssaal:

– wenn wir weitherzig sein und anderen den Vortritt lassen können

– wenn wir Rücksicht nehmen auf das Selbstwertgefühl der anderen und uns nicht hervortun müssen

– wenn wir wertvoll und kostbar im Umgang miteinander sein können.

Jedoch dürfen wir dabei nicht aus den Augen verlieren: Keiner von uns ist vor Selbsterhöhung und der Entwicklung von Überheblichkeitsgefühlen gefeit. Es bleibt eine immerwährende Aufgabe für jeden von uns, ehrlich zu sich selbst zu sein, eigene Unzulänglichkeiten zu erkennen, den Perspektivenwechsel von oben nach unten zu vollziehen  und sich immer wieder auf die Einladung Gottes einzulassen.

„Lass uns miteinander das Leben feiern und füreinander teilen Brot und Wein, lass uns zueinander Brücken bauen, mit dankbarem Herzen zusammen sein. Es gibt Grund genug zu danken …“ Das Evangelium bringt dieses Lied von Herbert Adam in mir zum Klingen und Musik ergreift das Herz mehr als Worte.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Barbara Sedlmeier
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

Zurück zum Archiv

Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren