Geistliches Leben

Mittwoch, 22. August 2018

Aus vollem Herzen Gott lieben

Auf wechselnde Herausforderungen angemessen reagieren – Gedanken zum Markus-Evangelium 7, 1–8. 14–15. 21–23

Das heutige Evangelium ist geprägt von scharfen Gegensätzen: Menschliche Satzung gegen göttliches Gebot; außen gegen innen; böse gegen gut; unrein gegen rein; Lippenbekenntnis gegen Herzensliebe. Es sind harte, klare Antithesen, die die Haltung und Gesinnung der Zuhörer bestimmen sollen.

Jesus befindet sich in einer brisanten Auseinandersetzung mit den Pharisäern und Schriftgelehrten. Offensichtlich versuchen sie, die Tradition zu wahren, die reine Lehre zu schützen, die Vorschriften genau zu erfüllen. Ganz einfach gesagt: Sie wollen alles „richtig machen“ und auch diejenigen ermahnen, die gegen überlieferte Vorschriften verstoßen. Bezüglich der Reinheit im Kult und im Alltag berufen sie sich vor allem auf die Anweisungen im Buch Levitikus (10 – 20). Das Wort: „Haltet meine Gebote und befolgt sie“ gilt ihnen für alltägliche und kultische Handlungen gleichermaßen.

Soweit ist der Eifer der Pharisäer durchaus verständlich. Ihre Lebenseinstellung, der Pharisäismus, hat ja bis heute überdauert bzw. ist wohl ein Grundmuster menschlichen Verhaltens. Können wir selbst nicht auch der Versuchung unterliegen, auf die „reine Lehre“ zu pochen, von vornherein zu wissen, was richtig ist und wie gehandelt werden muss?

Freilich dürfen wir dabei die Riten und Satzungen nicht zum einengenden Zwang werden lassen. Die problematische Folge kann nämlich sein, dass überraschende Situationen nicht mehr wahrnehmen. Vielleicht passen wir – wie die Pharisäer – die Prinzipien unseres Handelns ungeprüft den scheinbar unwandelbaren Gesetzen an, statt unser Handeln an sich ergebenden Notwendigkeiten, ja, an den Nöten der Menschen zu messen. Die Folge: Rigorismus statt Menschlichkeit. Die Gefahr besteht bei uns heute wie bei den Pharisäern zur Zeit Jesu, dass das Wesentliche verloren gehen kann: die Nächstenliebe und die Achtung vor dem anderen. Denn dies gilt als Maßstab und als Werkzeug der Überprüfung: Wie das Sabbatgebot sind alle Gesetze für den Menschen da, nicht der Mensch für die Gesetze. Jesus stellt sich – anders als die Pharisäer – ganz in die Tradition des Jesaja: „Gott mit den Lippen ehren, ohne das Herz zu beteiligen, ist sinnlos.“

Im Volkskundemuseum in Straßburg gab es eine Sonderausstellung: „Das Herz in der Volkskunst“. Das Herz wird dabei meist verstanden als Symbol für die Mitte des Menschen und das Zentrum des Lebens. In alten Tauf- und Patenbriefen, in Liebesbriefen und Ehedokumenten steht das Herz oft im Mittelpunkt – auch in Bezug auf biblische Worte bei Jesaja und bei Jesus selbst. Das Herz meint die lebendige Mitte und das Wesentliche. Das bloße Lippenbekenntnis kann davon weit entfernt sein. Ehrfurcht und Liebe sind wichtig, – nicht einfach „reine Hände“. Was uns prägt, unsere Einstellungen, Gefühle und Haltungen,das zählt. Die Spannung „gut“ – „böse“ wird deutlich in ihrer Wirkung: Das Böse verletzt nicht irgendeine Vorschrift, sondern die Gemeinschaft mit Gott und den Menschen. Das Gute hingegen schafft Gemeinschaft: Vertrauen, Vergebung, Glaube, Hoffnung und Liebe.

In der Auseinandersetzung mit den Pharisäern will Jesus die Tradition überprüfen, nicht über Bord werfen. Dabei ist ihm der Wille Gottes ungleich wichtiger als Menschensatzung. Jesus fragt mit großer Freiheit nach dem Ursprung der Vorschriften. Er zeigt, dass Gottes Gesetze menschenfreundlicher sind als Satzungen der Menschen. An dieser Freiheit Jesu sollten auch wir uns orientieren, davon lernen für unser Leben in der Welt und in der Kirche. Auch in der Kirche dürfen nicht Traditionen und Regeln den immer neu zu erfragenden Willen Gottes außer Kraft setzen.

Einen starken Impuls für das Verständnis des heutigen Evangeliums kann uns das Tagesgebet zum 22. Sonntag geben: „Pflanze in unser Herz die Liebe zu deinem Namen ein. Binde uns immer mehr an dich, damit in uns wächst, was gut und heiligist.“ Hier wird die Spannung Herz – Lippen, innen – außen, mit dem wunderbaren Bild des Einpflanzens der Liebe positiv gedeutet.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Dr. Helmut Husenbeth
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