Kirche und Welt

Mittwoch, 20. September 2017

Bei den chancenlosen Töchtern Gottes

Schwester Lea Ackermann – Notizen über eine außergewöhnliche Frau

Schwester Lea Ackermann – ein Leben lang eine Kämpferin. Foto: REIMANN; LARS/actionpress

„Wäre Schwester Lea Ackermann nicht bei ‚Unserer Lieben Frau von Afrika‘ gelandet, hätte sie auch Revolutionärin oder Staatschefin werden können. Ihre Mischung von Gerechtigkeitssinn, Empörung und Handlungsfähigkeit ist explosiv.“ Das schrieb die Zeitschrift EMMA im Jahr 1993.

Lea Ackermanns Lebensweg war und ist alles andere als gewöhnlich. Sie hat aus ihrem Leben etwas für das Leben von anderen gemacht. Für Frauen in Notsituationen. Für Frauen, die unter die Räder gekommen sind, die sich ihrer Würde nicht bewusst waren. Sie aus ihren Fesseln zu befreien und ihnen wieder Selbstbewusstsein zu geben, hat sie als Lebensaufgabe angenommen. Und konsequent durchgeführt. Im Unterschied zu anderen, die nur den großen Wurf diskutieren und sich zu schade sind, die Hände schmutzig zu machen. Für Schwester Lea waren die traumatisierten Frauen die „chancenlosen Töchter Gottes“.

Lea Ackermanns Entscheidung in eine Ordensgemeinschaft einzutreten fiel, kirchlich gesehen, in eine Zeit des Umbruchs. Viele der alten Strukturen waren brüchig geworden. In der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) und vor allem unmittelbar danach wurden die Brüche offenbar, beschleunigten sich. Die Beschleunigung hält an. Ackermann ist mit Entschiedenheit für die Freiheit der persönlichen Verantwortung eingetreten und hatte dadurch einige öffentliche – auch kirchliche – Konflikte zu bestehen.

Lea Ackermann ist ihrer Institution vorausgeeilt. Sie war und ist eine Vorläuferin, deutete nicht nur mit dem langen Zeigefinger, sondern mit der konkreten Tat auf Menschenhandel und Zwangsprostitution, auf die, die verwundet am Rande der Straßen lagen. Ihnen musste geholfen werden bevor sie jämmerlich zu Grunde gingen. Dabei hat sie sich die Hände schmutzig gemacht und blieb auch von arroganter Kritik nicht verschont.

Irritierend ist es zuweilen, wenn Lea Ackermann sich zu gesellschaftlichen Entwicklungen äußert. Dann erscheint sie im Grunde als „konservativ“. Manche sagen, dass sie Positionen verteidigt, die längst überholt sind. Etwa im Blick auf die Institution Ehe. Doch man kommt ins Grübeln, wenn sie von ihrer Arbeit für die Frauen berichtet. Dann erscheint sie intensiv „progressiv“.

Ich hatte viele Gelegenheiten, Lea Ackermann näher kennen zu lernen. Zuletzt habe ich eine Biografie mit ihr zusammen gemacht. Dabei lernt man einen Menschen besonders gut kennen, denn es geht schließlich darum, was er selber von sich hält und vermitteln will.

Wenn ich über das nachdenke und  auf  mich wirken lasse, was ihr Leben charakterisiert, dann steigt ein Bild in mir auf. Ein listiges Bild. Das Bild vom Trojanischen Pferd. Mit dieser Kriegslist gewannen die alten Griechen den Trojanischen Krieg. Bildlich versteht man unter einem „trojanischen Pferd“ ein harmlos aussehendes Objekt, das ein Angreifer zur Tarnung verwendet, um in einen sicheren geschützten Bereich eingelassen zu werden.

Lässt man das Militärische an der Geschichte weg, dann tritt etwas zu Tage, was Lea Ackermanns Leben und ihre Arbeit auch kennzeichnet: Kreativität, Mut, Bereitschaft zum Risiko.

Das ist ein starkes Argument im Zeitalter des real existierenden Versicherungswahns. Schwester Lea war und ist für mich so etwas wie das Trojanische Pferd in der Stadt der Frauen und in der Stadt Gottes.

Eines fasziniert mich ganz besonders: Lea Ackermann hat kein publikumswirksames Strohfeuer angezündet, das für eine kurze Weile lodernd aufflammt, kurze Zeit Aufmerksamkeit erregt und dann wieder in sich zusammenfällt. Sie hat eine Glut entfacht. Die Glut glüht bis heute. Ihr Handeln in einer Gesellschaft der Schamlosen, der ohnmächtigen bis arroganten Voyeure, der „Starken“ und angeblich Mächtigen, ist beispielhaft. Das Leben von Schwester Lea ist „echt“ außergewöhnlich, und doch wieder – christlich gesehen – ganz gewöhnlich. Es ist durch und durch authentisch.

Für Schwester Lea, das habe ich immer mehr als ihre Wahrheit erfahren, ist Gott, wie wir landläufig den großen Unbekannten nennen, nicht nur gegenwärtig, sondern Gegenwart in jedem Leben. Besonders in den Leben, die am Rande der Straßen liegen geblieben sind und an denen fast alle, auch die Leviten, vorübergehen, weil sie Wichtigeres, zum Beispiel Gottesdienst feiern, zu tun haben, als sofort und konkret zu helfen. Schwester Lea sah es – und ging nicht vorüber. Sie hat das Leiden der Frauen als ihr eigenes Leid erfahren. Darin ist sie für mich eine Mystikerin, eine moderne. Eine, die Mystik nicht mit Wellness verwechselt, sondern Mystik als konkretes und belastbares Gegenwärtigsein begreift.

In ihrem Leben, wovon sie in dem Buch, das ich mit ihr gemacht habe, eindringlich berichtet, ist für mich der Umriss, besser gesagt der Aufriss einer Ethik aufgetaucht, die entschieden Abschied genommen hat von Abgrenzung, von Exklusivität, das heißt – oft mit fadenscheinigen Argumenten und Ausflüchten – von der Ausschließung anderer Menschen aus meiner, der sogenannten „eigenen“ Welt.

Darin zeigt sich auch der Aufriss einer „anderen“ Kirche, der sie ja leibhaftig angehört, die den Frauen kompromisslos die gleichen Rechte einräumt wie den Männern. Die als Befreierin auftritt, als Befreierin der Frauen aus den tradierten und sanktionierten Männerabhängigkeiten. Das gilt nicht nur für das Christentum, sondern auch für die anderen, sogenannten „großen“ Religionen. Dafür stand, steht und wird Schwester Lea stehen.

Ich wünsche mir, dass wir uns im Rahmen unserer unterschiedlichen Möglichkeiten von Schwester Leas Lebensvirus anstecken lassen. Dann käme in vieles in der Gesellschaft, den Kirchen und Religionen in Bewegung, was heute sich in einem Stillstand befindet. (red)


Das Buch: Lea Ackermann, Der Kampf geht weiter, Damit Frauen in Würde leben können. Ein biografisches Porträt von und mit Michael Albus, Patmos Verlag, 2017

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