Geistliches Leben

Mittwoch, 21. August 2019

Bei Gott kommt keiner zu kurz

Auf den Ehrenplätzen im Reich Gottes sitzen die Niedrigen und Hungernden - Gedanken zum Lukas-Evangelium 1.7-14 von Diplom-Theologe Thomas Bettinger

Wir kennen das Problem mit den Ehrengästen, haben uns wohl auch schon geärgert, dass wir selbst nicht in den Genuss des „Ehrenplatzes“ gekommen sind. Es gibt eine Rangordnung in unserer Gesellschaft, je weiter man nach oben kommt, umso mehr Status, öffentliche Anerkennung und Vorteile erhält man. Wer dagegen unten ist, wird weniger von Wertschätzung denn von Erfahrungen der Verachtung berichten können. Das war in der Zeit Jesu noch schärfer ausgeprägt: Ehre kommt denen oben zu, wenig oder keine Ehre denen unten, die vor den Oberen in „Demut und Bescheidenheit“ ihr Haupt verneigen müssen. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand seine gesellschaftliche Stellung durch Geburt, Leistung oder Geld erlangt hat.

Die Szene, auf die Jesus reagiert, spielt beim Essen. Die Gäste auf den Ehrenplätzen werden sicher zuerst bedient. Auch heute drängen sich Menschen bei einem Fest auf die vorderen Plätze und stürzen dann auf´s Buffet; man könnte meinen, sie würden verhungern. Es ist ein Bild für die Angst, zu kurz zu kommen, zu wenig vom Leben zu haben. Eine Grundangst, die uns auf unserem Weg durch die Zeit begleitet. Jesu Kritik wirft Fragen in mir auf: Wer bin ich? Und woraus lebe ich? Begegne ich mir mit Achtung und Wertschätzung? Wie begegne ich anderen? Denen „oben“? Und wie den Armen, Schwachen, den Verlorenen, in unserer Leistungsgesellschaft Abgestürzten? Schaue ich nicht auch „von oben“ herab auf Menschen, die vielleicht nur weniger Glück hatten als ich? Worin gründet mein Anspruch, vorne auf dem „Ehrenplatz“ zu sitzen?
„Bei Euch aber soll es nicht so sein“, sagt Jesus (Mk 10, 43). Im Reich Gottes gilt eine andere Ordnung. Und die will nicht erst im „Jenseits“, sondern heute und hier, im Alltag unseres konkreten „Diesseits“ gelten. Jesus stürzt unsere menschliche Ordnung geradezu um: „Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten die Ersten“ (Mk 10, 31). Das ist keine Drohung. Es sagt etwas aus über die Gerechtigkeit im Reich Gottes: Bei Gott kommt keiner zu kurz! Kein Mensch muss Angst haben, nicht genügend für sein Leben zu erhalten. Dort, wo das Reich Gottes aufblüht, gibt es eine große Gelassenheit und Freiheit: „Sie hatten alles gemeinsam … Es gab keinen unter ihnen, der Not litt“ (Apg 4, 32. 34).

Voraussetzung dafür ist eine Haltung, die wir Demut nennen. Demut meint nicht sich klein machen vor den Menschen oder gar vor Gott. Wer demütig ist, buckelt nicht und rutscht auch nicht auf Knien durch die Kirche. Demut heißt, ich bin ein Mensch und nicht ein Gott! Ich bin ein Mensch mit meinen Fähigkeiten, mit meinen Schwächen und Grenzen, aber auch mit meiner eigenen Würde und Größe. Und das bin ich vor mir selbst und vor Gott. Ich brauche mich nicht groß zu machen, um etwas zu gelten. Ich bin es aus mir selbst heraus als Schöpfung Gottes. Ich darf mich auch nicht klein machen. Die gläubige Haltung vor Gott ist die des aufgerichteten und mit offenen Augen schauenden Menschen. Diese Demut lässt mich den Anderen als Schwester und Bruder erkennen, in dem die Würde und das Feuer des Geistes Gottes brennt, den „Armen, Krüppel, Lahmen und Blinden“, die einzuladen Jesus mich auffordert. Diesen Menschen mit Achtung und Respekt zu begegnen, ist Zeichen des Respekts und der Wertschätzung mir selbst gegenüber. Sie können es nicht vergelten, nicht zurückzahlen, wenn ich meine materiellen Güter, darin auch mein Leben mit ihnen teile. Und ich lerne, zu geben und einen Dank ohne Ausgleich anzunehmen. Vielleicht bin auch ich einmal in der Rolle des Empfängers, der nicht zurückgeben, sondern nur danken kann.

Der Vers 11 ist wichtig: Gott selbst ist es – nicht wir Menschen! –, der erniedrigen und erhöhen wird. Er wird die neue Ordnung errichten – im Hier und Heute! Wo sein Geist weht, geschieht das. Ist er in unserer Kirche am Werk? Hier leuchtet das wunderbare Lied der jungen Mirjam aus Nazaret auf, das Magnificat: „Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. … Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“ (Lukas 1, 48–53). Das ist keine Utopie, das ist eine Prophezeiung. Und sie wird wahr. Jeden Tag!

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