Aus dem Bistum

Mittwoch, 22. August 2018

„Beim Pilgern müssen die Füße den Boden küssen“

Unterwegs mit der Pilgergruppe auf der Fußwallfahrt von Mutter Anna zu Mutter Maria

Schnell noch ein Gruppenbild, dann gibt es das wohlverdiente Frühstück im Garten des Bischöflichen Ordinariats. Fotos: Kraus

„Jetzt gehen sie bald an der Annakapelle in Burrweiler los“, denke ich noch und sinke müde in die Kissen. Unvorstellbar für mich, jetzt eine Nacht durchzuwandern. Ich laufe bei der Fußwallfahrt von der Annakapelle zum Dom nur das letzte Stück von Harthausen nach Speyer mit. Dort stehe ich dann am nächsten Morgen um 6 Uhr mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter in der Morgendämmerung in Erwartung der Pilgergruppe. Es ist das Fest Mariä Himmelfahrt.

Die meisten wären gerne die ganze Strecke mitgelaufen, trauen sich aber entweder die lange Wanderung von über 32 Kilometern nicht zu, haben Bedenken, in der Dunkelheit zu laufen oder finden die Anfahrt zu kompliziert. Aber dabei sein ist für sie wichtig. „Heute ist mein Tauftag, an diesem Tag zu pilgern, ist etwas ganz Besonderes“, sagt Waltraud Klingel aus Weselberg, die mit Ehemann, Schwester und Schwager gekommen ist.

Gegen halb sieben kommt die Vorhut: Ein Kleinbus, am Steuer Thomas Sartingen von der Katholischen Erwachsenenbildung. Er hat die Pilger im Gommersheimer Waldhaus mit Kaffee versorgt und eine Handvoll Wanderer aufgelesen, die den Rest der Route mit dem Bus zurücklegen möchten. Er war die ganze Nacht in Rufbereitschaft, falls Teilnehmer schwach geworden wären.

Eine Viertelstunde später trifft die große Gruppe ein: bunt gemischt, von Ende 20 bis Ende 70, mehr Frauen als Männer – allen voran Erhard Steiger, Bildungsreferent der Katholischen Erwachsenenbildung, mit der Pilgerlaterne in der Hand. Ich bin erstaunt: Die Pilger haben nun schon gut 24 Kilometer hinter sich und sehen immer noch kein bisschen müde aus. Simone Pikula aus Kaiserslautern, schwärmt: „So etwas habe ich noch nie erlebt, eine ganze Nacht draußen zu sein.“ Sie seien durch Weinberge gelaufen, an Feldern mit Tabak, Rüben und Mais vorbei und durch stille Dörfer. „Herr Steiger hat einen super Weg ausgesucht, es waren fast keine asphaltierten Straßen dabei“, erzählt sie weiter. „Mondlicht hat es keines gegeben. Aber wir haben die Milchstraße und den Mars gesehen“, erzählt Isabella Adams. In der Nacht seien die Sinne geschärft, man sei sehr viel aufmerksamer als am Tag, nehme Formen, Gerüche und Geräusche sehr viel intensiver wahr, bestätigen die Umstehenden.

Dann wird die Gruppe still. Zeit für einen spirituellen Impuls. Den ersten hatte Domkapitular Franz Vogelgesang am Startpunkt an der Annakapelle gegeben, bevor er der Gruppe den Pilgersegen spendete. Weitere gab es in den Weinbergen, in Edesheim und am Gommersheimer Waldhaus. In Harthausen spricht Erhard Steiger das Gebet „Gott, unsere Mutter“. Es geht um den mütterlichen Aspekt Gottes, passend zur Wallfahrt, die ja von der St. Anna-Kapelle zum Mariendom führt. „Jeder nimmt aus einem Impuls etwas anderes mit, wird von einem anderen Wort oder Bild angesprochen“, erklärt mir Steiger. Um das wirken zu lassen, sei die Gruppe zwischendurch auch immer wieder schweigend gelaufen. Zeit zum Unterhalten habe es aber ebenso gegeben.

Weiter geht es nun Richtung Speyer. Ganz schön flott, finde ich. Steiger bestätigt das: „Wir haben einen Schnitt von 4,2 Stundenkilometern“, erzählt er mit Blick auf seine Uhr. „Wenn man langsam geht, wird man müde.“ Deswegen gab es auch nur kurze Pausen. Ich bin erstaunt zu hören, dass die wenigsten vorher geschlafen haben. Einige haben sich abends noch ein bisschen hingelegt, erzählen sie. In ihren Rucksäcken haben sie ein bisschen Verpflegung und warme Kleidung, aber eigentlich hätten sie das kaum gebraucht.

Inzwischen scheint die Sonne, aber die Kerze in Steigers Laterne brennt immer noch. Die Laterne sei ein wichtiges Symbol für Jesus, der die Pilger wie ein Licht auf ihrem Weg begleitet. „Wir folgen dem lebendigen Licht“, erklärt Steiger. Er weiß, wovon er spricht, ist seit Jahren Pilgerbegleiter, bietet Bergexerzitien an und bildet selbst Pilgerbegleiter aus. Wir laufen über Feldwege, irgendwann erhaschen wir den ersten kurzen Blick auf die Silhouette von Speyer, sehen die Türme von Gedächtniskirche, Josephskirche und Dom. Wir kommen ins philosophieren über das Pilgern. „Beim Pilger müssen die Füße den Boden küssen“, sagt Steiger. Die Umstehenden steuern andere Erklärungen bei: Pilgern ist beten mit den Füßen, Unterwegssein mit der Seele, eine Sehnsucht, die tief in den Menschen steckt. Man kommt dabei zur Ruhe. Wandern dagegen sei einfach nur, von Ziel zu Ziel laufen. „Ich habe ja auch eine Vortour auf der Strecke gemacht, da war ich viel schneller kaputt“, stimmt Steiger zu.

Speyer ist erreicht. Es ist schon für mich, die ich ja nur einen kurzen Abschnitt mitgelaufen bin, störend, nun auf Asphalt zu laufen, Straßenlärm zu hören, auf Autos und Fahrräder achten zu müssen. Wie muss das erst nach einer ruhigen Nacht sein? Die Ruhe ist vorbei, das Frühstück wartet im Garten der Webergasse. Dort wird die Gruppe von Domkapitular Franz Vogelgesang empfangen. Gemeinsam singen alle „Großer Gott wir loben dich.“

Nach dem Frühstück ziehen die Pilger zum Pontifikalamt mit Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann in den Dom ein. Der geplante Abstecher zum Kloster St. Magdalena muss aus Zeitgründen entfallen. „Ich wäre gerne mit ihnen durch die Nacht gelaufen“, denke ich und beschließe, das nächste Mal die ganze Strecke mitzupilgern. (Christine Kraus)

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Redaktion
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

Zurück zum Archiv

Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren