Kirche und Welt

Mittwoch, 20. Februar 2019

Bewusstsein wächst, mit Unterschieden

Papstberater Hans Zollner zum Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan

Der deutsche Psychologe und Theologe Hans Zollner ist auch Mitglied des Vorbereitungskomitees für den Gipfel im Vatikan. Foto: CC/BY/SA/4.0

In diesen Tagen treffen sich im Vatikan die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen und Ordensobere weltweit, um mit dem Papst über das Thema Missbrauch und Kinderschutz zu beraten. Die Katholische Nachrichten-Agentur sprach mit dem Vorsitzenden des Kinderschutzzentrums an der Päpstlichen Universität Gregoriana, dem deutschen Psychologen und Theologen Hans Zollner (52). Der Jesuit ist auch Mitglied des Vorbereitungskomitees für den Gipfel.

Pater Zollner, der offizielle Titel des Treffens ist sehr lang. Wie bezeichnen Sie das Treffen kurz?

„Treffen zum Kinderschutz in der Kirche“ – das unsägliche Wort des „Missbrauchsgipfels“ bitte ich dringendst zu vermeiden.

Kommen alle, die der Papst aufgefordert hat?
Fast alle, die eingeladen wurden, haben sich angemeldet. Ein oder zwei kommen aus gesundheitlichen Gründen nicht. Wenn jemand einen Stellvertreter hat, schickt er diesen; manche Bischöfe haben keinen, weil sie keiner Bischofskonferenz angehören.

Wie nehmen Sie die medialen Erwartungen wahr?
Das Interesse reicht von Zustimmung und Unterstützung bis hin zu Zweifel, Ablehnung und Skepsis. Diese Vielfalt ist der realistische Ausdruck unterschiedlicher jeweils für sich berechtigter Sichtweisen und Anliegen. Sie ist für mich aber auch der Ausdruck eines „lagerübergreifenden“ positiven Interesses an der Zukunft der Kirche, weil man weiß oder ahnt, dass die Kirche in dieser Welt eine wichtige Rolle hat oder haben könnte. Auch ausdrückliche Kritik würde ich so verstehen. Es heißt ja zu recht: Wer dich kritisiert, der hat dich nicht aufgegeben.

Was sind realistische Erwartungen?
Unrealistisch wäre es auf jeden Fall zu glauben, mit einem Treffen wie dem im Februar sei das Thema Missbrauch ein für alle Mal erledigt. Dennoch hoffe ich sehr darauf, dass das in Rom Ver- und Behandelte über die Teilnehmer seinen Weg in die jeweiligen Ortskirchen findet: dass die Teilnehmer diesbezüglich ihre Leitungsverantwortung wahrnehmen; dass Klarheit über notwendige Instrumentarien gewonnen wurde, die dann auch eingesetzt werden. Vor allem setze ich auf die Bereitschaft, dieses Treffen nicht das letzte seiner Art sein zu lassen.
Entscheidet der Ausgang des Treffens über das Pontifikat dieses Papstes?
Wie sonst auch, hängt eine seriöse Beurteilung einer Regierungszeit nicht an einem einzelnen Geschehen oder Ereignis. Dass für die Kirche der angemessene Umgang mit Missbrauch in ihrem Verantwortungsbereich ein Schlüsselthema ist, dürfte unbestritten sein. Schon jetzt aber dürfte klar sein: Das Pontifikat von Papst Franziskus ist eines von denjenigen, in denen schwere Probleme offen angesprochen und flächendeckend angegangen werden, auch wenn am Ende dieses Pontifikats die Bearbeitung jener Probleme noch nicht am Ende sein wird.

Wird das Thema Missbrauch von einigen gegen Franziskus instrumentalisiert, wie manche behaupten?
Nun ja – es gibt Leute, die diesen Papst aus verschiedensten Gründen nicht mögen, und da ist dann jede Bemerkung, jedes Thema recht. Ich glaube nicht, dass das Thema Missbrauch besonders hervorsticht.

Sie haben immer wieder gesagt, das Bewusstsein in der Weltkirche zur Bedeutung des Problems sei unterschiedlich. Wo ist es groß, wo gering?
Erstens: Das Bewusstsein und das Engagement in Sachen Missbrauchsbekämpfung wachsen beständig weiter, weltweit. Zweitens: Ja, es gibt große Unterschiede. In jedem Land gibt es Leute, die weit voran sind, und Leute, die nichts tun. Ich erlebe nicht, dass aktiv dagegen gearbeitet wird. Das Bewusstsein zu diesem Thema in der gesamten Gesellschaft und das in der Kirche bedingen sich gegenseitig. In Deutschland wird ja auch erst seit dem 28. Januar 2010 in großer Öffentlichkeit darüber gesprochen. In den unterschiedlichen Kulturen gibt es verschiedenste Verständnisse von Nähe und Distanz, Sexualität, Gewalt, Kindheit oder von Autorität und Macht. Das hat großen Einfluss darauf, ob und wie Maßnahmen gegen Missbrauch wirksam werden können. Zudem wird sich eine Ortskirche, die verfolgt wird, schwerer tun, mit internen Problemen offen umzugehen, als dort, wo die Kirche – noch– Akzeptanz und Wertschätzung erfährt.

Sie haben kürzlich angekündigt, bei dem Treffen soll Bischöfen eine „Task-Force“ vorschlagen werden. Wie sähe eine solche Eingreiftruppe aus?
Ich habe zwar Ideen, aber die müssen erst einmal vorgestellt und diskutiert werden. Meines Erachtens sollte es regionale Task Forces geben, die für Kontinente oder Regionen zuständig sind. Die Teams könnten aus drei bis fünf Leuten bestehen, die herumreisen und für verschiedene Bereiche eine Expertise mitbringen – Theologie, Psychologie, Recht –, die sich umhören und herausfinden, was zu tun ist.

Sollten die kirchenrechtlichen Strafen für Täter Ihrer Ansicht nach verschärft werden?
Die gängige Strafe ist die schärfste, die einem Priester auferlegt werden kann: die Entlassung aus dem Klerikerstand. Die übrigen Strafen richten sich nach der Schwere der Tat, aber die meisten werden entlassen. Die Kirche hat keine Gefängnisse und auch keine anderen Sanktionsmöglichkeiten. Das ist Aufgabe des Staates. (Interview: Roland Juchem)

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