Geistliches Leben

Donnerstag, 24. Januar 2019

Bilder und Vorurteile

Der ist Jesus am nächsten, der dem anderen das Heil von Herzen gönnt - Gedanken zum Lukas-Evangelium 4, 21–30 von Diakon Hartmut von Ehr

Ein älteres Ehepaar feierte das Fest der Goldenen Hochzeit. Beim gemeinsamen Frühstück dachte die Frau: Seit 50 Jahren habe ich immer auf meinen Mann Rücksicht genommen und ihm das knusprige Oberteil des Brötchens gegeben. Heute will ich mir endlich einmal diese Delikatesse gönnen. Sie schmierte sich das Oberteil des Brötchens und gab das untere Teil ihrem Mann. Entgegen ihrer Erwartung war dieser hocherfreut und sagte: „Mein Liebling, du bereitest mir die größte Freude des Tages. Über 50 Jahre habe ich das Brötchen-Unterteil nicht mehr gegessen, das ich eigentlich am allerliebsten mag. Ich dachte mir immer, du sollst es haben, weil es dir so gut schmeckt.“

Beide Ehepartner meinten es in ihrer Liebe zum andern nur gut und taten es aus Liebe zueinander. Ich könnte mir vorstellen, dass es bei den beiden noch andere Wünsche und Sehnsüchte gab, die der andere nicht kannte. Aber jeder der beiden glaubte zu meinen oder vielleicht sogar zu wissen, was dem anderen gut tut. Ich habe ein Bild vom Partner und gehe davon aus, dass dieses Bild der Realität entspricht. Und da darüber nicht gesprochen wird, verfestigt sich dieses Bild und wird für mich zur Realität.

Was für die Partnerschaft gilt, das geschieht auch mit anderen Personen. Psychologen sagen uns, dass beim ersten Anblick eines Menschen in Bruchteilen von Sekunden uns unser Gehirn sagt, ob das Gegenüber sympathisch oder unsympathisch ist. So werten und bewerten wir einen Menschen, mit dem wir noch nicht einmal ein Wort gewechselt haben.  
Auch von Menschen die ich kenne,  von Familienangehörigen, Freunden oder Bekannten forme ich mir ein Bild aus dem, was ich sehe oder höre. Von jedem weiß ich etwas und lege diese Person in meiner Schublade ab.

So erging es auch Jesus in seiner Heimatgemeinde Nazaret. Auch da wussten die Leute, wer er war und aus welcher Familie er entstammte. Und dann durchbricht Jesus seine Rolle. Er beginnt als Wanderprediger ein neues Leben. Ja, er behauptet sogar, der Messias zu sein, auf den das Volk so lange wartete.  Was, der Sohn des Zimmermanns Josef, er soll der Messias sein?
Dennoch, erst jubeln sie ihm zu. Sie hörten von den Heilungen, die er vollbrachte, sie wussten, er ist einer von uns. Doch dann durchbricht er dieses Denken.  Er verweist auf die Begebenheiten aus der Bibel: die Geschichte von Elija, der bei einer Witwe in Sarepta in Sidon eingekehrt war, und der Hinweis auf Elischa, der den Syrer Naaman geheilt hatte. Alle beide keine Juden, Fremden wurde das Heil gewährt. Keiner sonst wurde geheilt, nur der Syrer Naaman, keiner sonst empfing das Heil, nur der Fremde, der, der nicht zum auserwählten Volk gehört.

Das war starker Tobak, vor allem für einen Juden der damaligen Zeit. Einzig und allein zu den Söhnen und Töchtern Israels hat Gott gesprochen, einzig mit ihnen einen Bund geschlossen. Und Heil schenkt er nur Israel! Das war Überzeugung weiter Teile der Bevölkerung. Dann kommt dieser Zimmermannssohn und predigt eine andere Lehre. Das konnte damals schnell tödlich enden.

Und wir heute? Natürlich, an Jesus werden überzeugte Katholiken nicht zweifeln. Doch wir kennen das Ende, Jesu Tod am Kreuz, aber auch seine Auferstehung. Wir können von hinten auf sein Leben schauen. Den Leuten in Nazaret war das nicht möglich. Sie erlebten ihn in ihrer Situation; danach handelte er nach ihrem Empfinden ungehörig, ja blasphemisch.

Der Evangelist Lukas möchte uns wachrütteln. Das Bild, das wir von unseren Mitmenschen haben, muss lange nicht dem entsprechen, was diesen Menschen ausmacht. Vorurteile sind nicht die Realität. Darum sollte man vorsichtig sein mit den Äußerungen über andere und deren Bewertung. Es ist immer nur  meine Sicht vom anderen, nicht seine wahre Identität.

Und: Auch wir Christen waren Jahrhunderte lang sehr engstirnig im Denken über religiöse Fragen. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten standen sich Protestanten und Katholiken feindselig gegenüber. So manches Ehepaar einer konfessionsverschiedenen Ehe kann davon ein Lied singen.

Das Evangelium lehrt uns, dass derjenige näher am Denken Jesu ist, der auch dem anderen, auch dem Fremden, dem, der nicht dazugehört, das Heil nicht abspricht oder gar neidet. Vielleicht ist derjenige Jesus wirklich näher, der dem anderen dieses Heil letztlich von Herzen gönnt.

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