Im Gespräch

Donnerstag, 28. Mai 2020

Bistum Speyer schlägt Sparkurs ein

Im Pilger-Interview erläutern Generalvikar Andreas Sturm und Diözesan-Ökonom Peter Schappert die geplanten Haushaltsmaßnahmen des Bistums.

Das Bischöfliche Ordinariat in Speyer. Foto: Landry

Um der veränderten wirtschaftlichen und steuerlichen Situation aufgrund der Corona-Krise zu begegnen, hat das Bistum Speyer Ende Mai eine Haushaltssperre verhängt. Generalvikar Andreas Sturm und Diözesan-Ökonom Peter Schappert stellen im Pilger-Interview die weiteren Maßnahmen dar. Das Bistum rechnet mit einem spürbaren Rückgang der Kirchensteuer-Einnahmen. 

In welcher Höhe rechnen Sie mit Einnahmeausfällen?

Peter Schappert: Heute lässt sich das nicht genau sagen, sondern nur vorsichtig abschätzen. Genau wissen wir das erst im Rückblick. Es ist immer so, dass die Kirchensteuer-Entwicklung ein, zwei Jahre der Entwicklung der Einkommensteuer hinterherläuft. Aber mittels verschiedener Schätzwege kommen wir, ausgehend vom Haushalt 2019 und mit Blick auf den Haushalt 2020, zu Einnahmen, die circa zehn Prozent niedriger sind. Unsere Schätzung basiert auf vier Grundlagen: der Steuerschätzung der Bundesregierung, einer darauf aufbauenden Kirchensteuerschätzung des Verbandes der Diözesen Deutschlands (VDD), Erfahrungen aus der Finanzkrise von 2008/2009 und auf den Ergebnissen einer Studie des Familienforschungszentrums der Uni Freiburg zur langfristigen Entwicklung der Kirchenmitglieder- und der Kirchensteuereinnahmen.

Für Unsicherheiten sorgt, dass viele Dinge in der jetzigen Krise einmalig und schwer vergleichbar mit historischen Ereignissen sind. Und es wird auch innerhalb Deutschlands regionale Unterschiede in der Kirchensteuerentwicklung geben. Wo zum Beispiel die Tourismusbranche stark ist, werden die Steuereinnahmen noch geringer ausfallen als anderswo. Aber klar ist: Wir haben eine aus unserer derzeitigen Sicht verantwortliche Schätzung und werden davon ausgehend auch handeln. Wir setzen um, was jetzt erforderlich und möglich ist. Wenn wir später nachbessern müssen, tun wir das.

Das heißt, es droht Gefahr, aber es bleibt noch Zeit zum geordneten Handeln?

Andreas Sturm: Ja. Die Alarmlampen leuchten rot. Wir müssen jetzt den Kurs ändern. Denn bis diese Kursänderung umgesetzt ist, braucht es wie bei einem großen Tanker auf dem Ozean etwas Zeit. Aber wir müssen entschlossen gegensteuern, um den Haushalt des Bistums angesichts der veränderten Gesamtsituation im Gleichgewicht zu halten. Unser Sparpaket soll bis ins Jahr 2024 reichen. Wir waren hausintern bereits daran, den Haushalt zu reduzieren. Es war klar, dass die Einnahmen mittelfristig sinken werden, aufgrund der demografischen Entwicklung und der Kirchenaustritte. Ich hätte mir etwas mehr Zeit gewünscht, den Kurs umzusteuern. Aber Corona und seine wirtschaftlichen Auswirkungen wirken wie ein Brandbeschleuniger, der uns drängt, jetzt aktiv zu werden.

Was gehört zu den beschlossenen Maßnahmen?

Andreas Sturm: Frei werdende Stellen in der Verwaltung des Bischöflichen Ordinariats werden in der Regel nicht mehr nachbesetzt. Außerdem werden die Ausgaben für Sachkosten vom Haushalt 2021 an reduziert, um vier Prozent. Dies betrifft alles, was nicht Personalkosten sind, also etwa für Gebäude, Dienstreisen, Materialaufwand, Software. Alle größeren Ausgaben im Bischöflichen Ordinariat, dies betrifft Beträge ab 10.000 Euro, müssen künftig vom Generalvikar genehmigt werden.

Um fünf Prozent reduziert werden die Zuschüsse an andere Rechtsträger. Neben den Pfarreien zählen dazu zum Beispiel der Caritasverband für die Diözese Speyer, Bildungshäuser, Schulen und auch Stiftungen. Aber wir müssen auch mit den überdiözesanen Trägern, wie zum Beispiel dem Verband der Diözesen Deutschlands, das Gespräch suchen. Wir werden hier unseren Verpflichtungen nachkommen, aber darauf drängen, dass dort ebenso alles auf den Prüfstand kommt. Hier gilt es, dieselben Kriterien anzulegen, wie sie auch innerhalb des Bistums Anwendung finden: Was braucht Kirche heute und in Zukunft, um die christliche Botschaft gut verkünden zu können, und was ist verzichtbar? Von der Kürzung sind alle Rechtsträger gleichermaßen betroffen.

Peter Schappert: Baumaßnahmen an Gebäuden im Eigentum des Bistums werden nur noch dann durchgeführt, wenn sie für die Sicherheit oder den Substanzerhalt der Gebäude zwingend sind. Alle anderen Maßnahmen an diesen Gebäuden werden um mehrere Jahre aufgeschoben. Die Gebäude der Kirchenstiftungen betrifft dies nicht – was 2019 geplant wurde, wird so finanziert, wie geplant.

Ein Teil Ihres Maßnahmenpaketes sieht vor, den Bereich Einnahmen unter die Lupe zu nehmen. Was ist hier geplant?

Peter Schappert: Weil die erste und wichtigste Einnahmequelle die Kirchensteuer ist, ist hier zu fragen, wie wir eine stärkere Mitgliederbindung erreichen. Und wie wir Kirchenaustritten vorbeugen. Das sind grundsätzliche Fragen: Wie erfüllen wir unsere Kernaufgaben am besten? Wie verkündigen wir glaubhaft und gut das Evangelium? Wie überzeugen wir die Menschen für den Glauben und dann auch für die Aufgaben der Kirche?  

Andreas Sturm: Zum Bereich Einnahmen zählt auch das Thema Refinanzierung. Ein gutes Beispiel dafür ist die Betreuungs- und Bildungsarbeit, also das Feld der Kitas und Schulen. Wir müssen für eine bessere Refinanzierung sorgen, und dazu mit den Landesregierungen schnell darüber ins Gespräch kommen, wo von dieser Seite eine stärkere Unterstützung unserer gesellschaftlichen Arbeit möglich ist.

Mitgliederbindung erhöhen, Kirchenaustritten vorbeugen – haben Sie da Ideen, wie man dies bewerkstelligen kann?

Andreas Sturm: Das ist sehr vielschichtig, von Fragen der Gesamtkirche bis hin zum schwindenden Gottesbezug und der abnehmenden Relevanz von Religion überhaupt. Für uns aber könnten diese Fragen leitend sein: Woran hängt ein Austritt? Wo treten mehr Menschen aus unserer Gemeinschaft aus, wo weniger? Gibt es Hinweise, was da vielleicht schlechter läuft und dort besser? Eines ist für mich klar: Die Austrittszahlen sind wie ein Stachel im Fleisch, sie dürfen uns niemals ruhig lassen. Ich finde, das ist auch eine Anfrage an uns alle, an alle Kirchenmitglieder: Sind wir von Jesu Sache begeistert, zeigen wir, dass wir gerne mit dabei sind, gerne in der Nachfolge Christi stehen?

Ein weiterer, aktueller Aspekt in der Corona-Krise: Wir müssen sehen, dass viele Menschen selbst in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Wenn sie dann Ausgaben reduzieren müssen und die Bindung zur Kirche gering ist, liegt ein Austritt nun vielleicht eher im Bereich des Vorstellbaren. Damit müssen wir leider rechnen.

Peter Schappert: Für mich hat die Frage zwei Ebenen. Die grundsätzliche und erste Ebene ist die Freiheit jedes Menschen, ob er oder sie es mit Gott zu tun haben mag oder nicht. Das geht nur mit der persönlichen, eigenen Entscheidung. Unsere Aufgabe als Kirche ist es dabei, das Evangelium glaubwürdig zu verkündigen, weil und damit das Leben gefördert wird. Deshalb ist es an erster und grundsätzlicher Stelle wichtig, dass unsere Seelsorge von höchster Qualität ist. Die andere Ebene ist unsere Verpflichtung zu wirtschaftlich verantwortetem Denken und Handeln. Dabei gilt das normale Gesetz, dass wir nicht mehr ausgeben dürfen als wir einnehmen. Tatsächlich schrumpft das kirchliche Leben derzeit bei uns in dem Maß, dass wir jährlich von circa 1,1 Prozent weniger Kirchensteuereinnahmen ausgehen. Folglich müssen wir die Höhe unserer Aufwendungen daran ausrichten und auch unsere Aufgaben im gleichen Maß reduzieren.

Mehr Menschen erreichen, hohe Qualität der Seelsorge leisten und dazu Kürzungen nach dem „Rasenmäher-Prinzip“, geht das auf Dauer?

Andreas Sturm: Nein. Irgendwann wird es schwierig, unter diesen Bedingungen gute Arbeit zu machen. Wir hatten mehrere Kürzungen dieser Art. Aber jetzt sind Entscheidungen gefragt, wie es weitergeht: Was braucht es heute und was braucht es in Zukunft, um Verkündigung und Seelsorge gut zu leisten? Und was braucht es weniger – oder vielleicht auch gar nicht mehr. Da liegt ein Weg von Gesprächen vor uns, mit Ergebnissen aus dem Visionsprozess „Segensorte finden“, Beratungen in der Diözesanversammlung und im Allgemeinen Geistlichen Rat, um unseren Bischof so zu beraten, dass er gut entscheiden kann. Ich denke, es stehen sicher auch schmerzhafte Entscheidungen an, gerade dort, wo in Arbeitsfeldern und in Liebgewonnenem so viel Herzblut steckt. Dabei muss uns immer die Frage leiten, wozu Kirche da ist, wozu braucht es uns zuerst. Und in dieser Frage sollte das meiste Herzblut stecken.

Sie sprechen den Segensorte-Visionsprozess an – er ist ein Teil des Entscheidungsweges? 

Andreas Sturm: Die Frage nach einer zukünftigen Ausrichtung der Kirche im Bistum Speyer ist angesichts notwendiger Priorisierungen noch einmal dringlicher geworden. Die Frage ist im Grunde die nach einer gemeinsamen Vision. Auf Beteiligung Dynamik, Interaktion, kreatives und spirituelles Miteinander und die Entwicklung eines gemeinsamen Bildes einer hoffnungsvollen Zukunft wollen wir gerade jetzt nicht verzichten. Deshalb sind alle Elemente des Visionsprozesses in digitale Formate übertragen worden, sodass die Beteiligung von Gruppen weiterhin möglich ist. Es ist jetzt ganz leicht, sich per Smartphone oder über unsere Segensorte-Homepage sich als Gruppe oder Einzelperson in den Prozess einzubringen.

Deswegen ermutige ich dazu, dass sich beim Visionsprozess weiterhin viele Menschen beteiligen, aus Gemeinden, Berufsgruppen, Schulen, der Sonderseelsorge und aus Einrichtungen. Wenn wir eine inhaltliche Schwerpunktsetzung für unsere Arbeit vornehmen, sollten viele Menschen mitdenken. Denn es geht ja um die Frage, wo brauchen uns die Menschen heute, was erwarten sie von der Kirche? Weil sich diese Erwartungen verändert haben, hat sich auch die Kirche immer verändert, vom ersten Tag an. Zwar ist ein Wandel meist schmerzhaft und löst Ängste aus, aber wir sollten Vertrauen und Mut haben. Das ist Pfingsten: Es ist die Zusage, dass wir nicht allein sind, sondern Gottes Geist mit uns geht. (Fragen: hm)

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