Silbermöwe

Donnerstag, 27. April 2017

„Christen haben es hier sehr schwer“

Erzbischof Ludwig Schick zu seinem Solidaritätsbesuch in Nigeria

In der nigerianischen Stadt Jos wurden bereits 2012 bei Auseinandersetzungen viele Häuser von Christen beschädigt oder zerstört. Foto: missio/pil

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hat das westafrikanische Nigeria besucht. Dort informierte er sich über die Lage der Christen. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur sprach der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz über die Konflikte zwischen Volksgruppen, den Kampf gegen die islamistische Terrororganisation Boko Haram und eine drohende Hungerkatastrophe.

Herr Erzbischof, Ihre Reise nach Nigeria war ein Solidaritätsbesuch. Warum braucht es einen solchen gerade jetzt?
Nigeria, vor allem der Norden des Landes, befindet sich in einer Krise. In diese Situation hineinverwoben ist auch die Kirche. Deshalb ist es wichtig, dass wir Solidarität zeigen, denn Christen haben es hier sehr schwer, sind aber für die gute Entwicklung des Landes wichtig.

Was heißt „hineinverwoben“?
In Nigeria findet nicht einfach nur ein religiöser Konflikt zwischen Christen und Muslimen statt. Die Problematik ist vielfältiger und hat auch ethnische und soziale Dimensionen: Die Böden werden knapper, die Ethnien vertreiben sich dann gegenseitig. Die Bevölkerung wächst sehr stark, ebenso die Armut. Da werden dann auch vermeintliche Heilsbringer wie Boko Haram und andere radikale Gruppen interessant, die einfache Lösungen versprechen. Solche Gruppierungen wollen dann all jene ausmerzen, die ihnen nicht folgen; das sind vor allem die Christen.

Sie haben vom Terror betroffene Pfarreien besucht. Was sagten Ihnen die Menschen dort?
Die Menschen sind zum Teil wieder zurückgekehrt. Viele leben aber noch in Lagern, zum Beispiel am Rande der Regionalhauptstadt Jos in der Middle Belt-Region. Viele sagen, dass sich die Situation gebessert hat, aber die Gefahr ist nicht gebannt.

Wie verhalten sich islamische Religionsvertreter zu Boko Haram?
Bei den Begegnungen mit Religionsführern wie Emiren und Chiefs, aber auch mit Vorstehern von Moscheen wurde deutlich, dass auch ein großer Teil der Muslime gegen Boko Haram ist. Die Terrororganisation richtet sich ja auch gegen Muslime, die sich ihr nicht anschließen wollen. Deshalb arbeiten die Kirchen, also die Katholiken, Anglikaner und Pfingstler und andere, mit den Muslimen zusammen, um Boko Haram unschädlich zu machen.

Trotzdem scheint Nigeria auf dem Weg zu einem Gottesstaat – in zwölf Bundesstaaten ist mittlerweile die Scharia eingeführt?
Nigeria ist ein föderalistischer Staat. In mehrheitlich muslimisch bevölkerten Teilstaaten ist die Scharia auf gesetzmäßigem Wege eingeführt worden, was aber in der Realität oft ohne Auswirkungen geblieben ist. „Scharia“ ist ein Symbol. Man muss im Einzelfall prüfen, welche konkreten Folgen ihre gesetzliche Verankerung hat. Jedenfalls sind auch viele Muslime gegen die Einführung der Scharia. Aber es ist eine bedenkliche Entwicklung - und für Christen eine Bedrohung.

Wie verhält sich da die nationale Regierung?
Sie hält sich zurück, um die Einheit von Nigeria zu bewahren. Sie will sich nicht in die Rechte der Staaten einmischen. Aber die Scharia ist sicher nicht einheitsfördernd, wenn ungefähr die Hälfte der Bevölkerung im Land christlich ist.

Was sagt die Kirche zur momentanen, vielerorts nicht einfachen Situation in Nigeria?
Kirchenvertreter sprechen zum einen von einer Verbesserung der Situation, es gibt hoffnungsvolle Zeichen. So sagen alle, die wir gesprochen haben, dass Boko Haram schwächer wird. Zum anderen will die Kirche mit anderen Religionsgemeinschaften wieder einen Zustand erreichen, den es schon gab und auch jetzt vielerorts gibt: dass Christen und Muslime trotz aller Unterschiedlichkeit friedlich miteinander auskommen und bei der Gesellschaftsbildung mitwirken.

Das Land ist also auf einem guten Weg?

Es bleiben die großen ökonomischen Probleme, die auch durch den Klimawandel verschärft werden. Wenn sich diese negativen Entwicklungen verstärken, wird sich auch die Situation zwischen den einzelnen Ethnien weiter zuspitzen, etwa wenn es um Landverteilung geht. Dringend nötig wäre auch eine Sozialreform, damit die Menschen friedlich miteinander leben können.

Es droht in Nigeria auch eine Hungerkatastrophe. Hat das etwas mit den Konflikten dort zu tun?
Wo Krieg herrscht, werden Felder verwüstet. Sie können nicht bestellt werden, und die nötigen Arbeitskräfte sind im Krieg. Krieg verhindert Fortschritt. Und natürlich fließt auch mehr Geld in Waffen, wobei anerkannt werden muss, dass eine starke Militärpräsenz angesichts der radikalen Gruppen wie Boko Haram notwendig ist. Übrigens stammen die Waffen der Terroristen aus vielen Gegenden, auch aus Europa. Viele vermuten, dass sie unter anderem über Saudi Arabien den Weg nach Nigeria finden. Waffenlieferungen zu unterbinden, wäre ein Beitrag zum Frieden. (Interview: Christian Wölfel)

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