Geistliches Leben

Donnerstag, 28. Januar 2016

Christus – Gabe und Aufgabe

Die Begegnung mit dem Auferstandenen befreit uns zum Leben – Gedanken zum Lukas-Evangelium 5, 1–11 von Diplom-Theologe Thomas Bettinger

Was Paulus an die Korinther schreibt, ist das älteste Zeugnis von Tod und Auferstehung Jesu Christi in der Heiligen Schrift. Wir sind hier ganz nah am Glauben der Urgemeinde: Wir bekennen Jesus Christus als den Gekreuzigten und Auferstandenen. In diesem Satz ist das ganze Christentum enthalten.

Die Auferstehungsbotschaft hat es heute wie damals schwer. Viele Menschen in unserer Gesellschaft glauben nicht mehr an ein Weiterleben nach dem Tod. Selbst Christen lehnen mit der Auferstehung der Toten auch den Kernsatz des Glaubens, die Auferstehung Christi, ab. Wir können die Osterbotschaft nicht beweisen. Sie ist kein historischer Vorgang, den die Wissenschaft als Tatsache festmachen kann. Wir haben nur das Zeugnis derjenigen, von denen Paulus schreibt: Sie haben den als Lebendigen „gesehen“, der tot am Kreuz hing. Sie haben eine Erfahrung gemacht, die ihr ganzes Leben veränderte. Sie wurden neu ins Leben gerufen durch „Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (erster Korintherbrief 1, 23).

Paulus hat sein Ostern vor Damaskus erlebt. Er, der religiöse Fundamentalist, der „die Kirche Gottes verfolgte und zu vernichten suchte“ (Galaterbrief 1, 13), macht eine geradezu gewaltsame Erfahrung: Der, den er verfolgte, stürzt ihn vom hohen Ross und schlägt ihn mit Blindheit. Er geht durch die Erfahrung radikaler Ohnmacht, körperlich, psychisch, spirituell. Alles zerbricht ihm, seine Macht, seine Wahrheit, alles, worauf er sein Leben baute. Aber nur so wird er in seinem Innersten aufgebrochen, offen für das Wort, das ihn in eine neue Existenz ruft, zu einem neuen Menschen macht: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben.“ Seine Christuserfahrung war mit Dunkelheit und Schmerz verbunden, ersparte ihm nicht die Konfrontation mit dem bisherigen Leben, seinen Überzeugungen, seiner Schuld. Es war ein langer Weg ins Licht, auf dem die ursprüngliche Begegnung mit Christus sich in weiteren Begegnungen mit Menschen bewahrheitete, vertiefte und zu der Erkenntnis führte: Das von Christus empfangene Leben muss er an andere weitergeben. Die Gabe wird zur Aufgabe: „Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht – nicht ich, sondern die Gnade Gottes mit mir.“

Paulus zählt in einer Liste die Männer auf, denen Jesus „erschienen“ ist. Zu ergänzen sind die Frauen, die nach dem Zeugnis der Evangelien dem Auferstandenen begegnet sind. Paulus spricht von sich als Letzten, dem sich der lebendige Herr geoffenbart hat. Was heißt das für uns? Sind uns Ostererfahrungen nicht mehr möglich? Eine Erfahrung wie Paulus habe ich nicht gemacht. Aber geht das, glauben ohne Erfahrung? Christsein ohne Christusbegegnung? Wenn mein Glaube nicht durch Erfahrung gedeckt ist, bleibt er eine kraftlose Behauptung. In unserer Lesung geht es nicht nur um die Auferstehungserfahrung des Paulus, sondern es geht um meine! Habe ich nicht auch Ostern erlebt, den auferstandenen Christus „gesehen“?

Ich bin immer wieder erleichtert, wenn Heilige nicht von blitzartigen Überfällen des Heiligen Geistes berichten. Auch ich habe in meinem Leben Erfahrungen gemacht, die mir zu Auferstehungserfahrungen, zu Christusbegegnungen geworden sind. Ich frage mich, wo ich heute stünde ohne „mein Damaskus“. Ich kann es verorten auf den Tag und die Stunde. Es war verbunden mit einem langen, schmerzlichen Prozess, der mich durch Dunkelheit und Leere hineinführte ins Licht des Lebens. Ich habe ein klares inneres Bild, eine feste Gewissheit, dass Jesus selbst diesen Weg mit mir gegangen ist.

Aber da sind noch die „kleinen“ Ereignisse in meinem Leben, in denen ich die Lebensspur Gottes entdecke: „normale“, unscheinbare Dinge und Begebenheiten, die mir Freude, Hoffnung und Lebensmut schenken, zum Beispiel der Besuch eines lieben Menschen, ein Gespräch, ein Gelingen in meiner Arbeit, ein packendes Buch, ein neuer Gedanke, ein Lachen, der Satz: „Du tust mir gut!“ In allem, was zum Leben befreit und ermutigt, begegnet mir Christus. So kann ich verstehen, was Paulus meint: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben“ – wenn ich es mit anderen teile.

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