Geistliches Leben

Dienstag, 21. Mai 2019

Damit alle eins sind

Gedanken zum Johannes-Evangelium 17, 20–26 von Pastoralreferent Dr. Thomas Stubenrauch

„Ut unum sint“ – „Damit sie eins sind“ – Mit diesen Worten aus dem Evangelium des siebten Ostersonntags werden die Besucher des Speyerer Doms am Hauptportal empfangen. Genaugenommen lautet die zugrunde liegende Wendung aus dem 17. Kapitel des Johannes-Evangeliums jedoch anders: „ut omnes unum sint“, auf Deutsch: „Damit alle (!) eins sind“.  In seinem großen Gebet am Abend vor seinem Tod sprengt Jesus die Grenzen des Abendmahlssaals bzw. der darin versammelten Jüngergemeinde. Ja, mehr noch; die Grenzen von Raum und Zeit. Nicht nur die zwölf, sondern alle, die durch ihr Wort an ihn glauben, sollen eins sein: alle Menschen, an allen Orten der Erde, zu allen Zeiten der Geschichte bis zu seiner Wiederkunft.

„Damit alle eins sind“ – Ist unser Horizont so weit wie der Horizont Jesu? Haben auch wir das Wohl und die Einheit aller im Blick, über die verschiedenen Tellerränder hinweg, die unseren Blickwinkel einengen?

„Damit alle eins sind“ – Auf den Einzelnen, die Einzelne bezogen, heißt das: Christlicher Glaube ist nie nur persönlich. Es geht nie nur um mich und meinen Gott. Gott richtet unseren Blick immer wieder weg von uns selbst und unseren Bedürfnissen. Er stellt uns an die Seite der Nächsten – in denen er uns bevorzugt begegnet. Mit unserer Taufe, in der er sich uns aufs innigste verbunden hat, pflanzte er uns zugleich die Vision einer geeinten Menschheit ins Herz und beruft uns, mitzuwirken, dass diese Vision immer mehr Wirklichkeit wird: in der Hingabe an Familie und Freunde, im Einsatz für eine friedlichere und gerechtere Welt. Wer seinen Glauben nur zur persönlichen Erbauung pflegt und ihn nicht in seinem Alltag fruchtbar werden lässt, lebt nicht wirklich im Sinne Jesu.

„Damit alle eins sind“ – Auf Gemeinden gewendet heißt das: Eine christliche Gemeinde darf sich nie damit abfinden, dass die Zahl derer, die sonntags ihren Gottesdienst mitfeiern, immer mehr abnimmt; dass jedes Jahr hunderttausende Christinnen und Christen ihren Kirchenaustritt erklären; dass Religionssoziologen zufolge Angebote der großen Kirchen nur noch für einen Teil der Milieus bzw. Lebensstile der Menschen attraktiv sind. Der Missionsbefehl Jesu gilt unverändert: „Macht alle Völker zu meinen Jüngern!“ Wenn Pfarreien nicht weiterdenken als ihr Kirchturm reicht, wenn sich Familien mit kleinen Kindern oder Menschen anderer Herkunft und Sprache im Gottesdienst nicht willkommen fühlen, wenn das Dogma: „Das haben wir immer schon so gemacht!“ über allem steht, werden Gemeinden ihrer Sendung nicht umfassend gerecht.

„Damit alle eins sind“ – Jahrhundertelang haben die Konfessionen diesen Auftrag missachtet, sich bekämpft oder zumindest nebeneinanderher gelebt. In der katholischen Kirche bedurfte es einer „List des Heiligen Geistes“ (so der Ökumeniker Otto-Hermann Pesch), um dieses Denken aufzubrechen. Als Johannes XXIII. wenige Wochen nach seiner Wahl zum Papst das Zweite Vatikanum ankündigte, nannte er als eines der wichtigsten Ziele des Konzils die Suche nach der Einheit der Christen. Nachweislich hatte er dabei nur an die tiefere Verbundenheit der katholischen Christen untereinander gedacht. In der Kirche und darüber hinaus wurden diese Worte aber anders verstanden: als Aufruf, die Kirchenspaltungen der Vergangenheit zu überwinden. Johannes XXIII. machte sich diese Sehnsucht zu eigen und gab dem Konzil die Suche nach der Wieder- bzw. Weitervereinigung der Kirche(n) als eine seiner Hauptaufgaben mit auf den Weg. Solange Kirchen ihr Profil auf Kosten anderer Kirchen schärfen, solange sie nicht bereit sind, anderen Konfessionen offen zu begegnen, von ihnen lernen zu wollen und sich durch die Begegnung mit ihnen zu verändern, solange sie nicht danach trachten, alles, was gemeinsam gemacht werden kann, auch gemeinsam zu tun, leidet die Glaubwürdigkeit ihres Zeugnisses.

„Damit alle eins sind“ – Für die Christenheit als ganze bedeutet dieses Wort Jesu schließlich, dass ihr Radius weiter reichen muss, als der Kreis derer, die an Jesus Christus glauben und auf seinen Namen getauft sind. Die Kirche ist nicht für sich selbst da. Sie wird ihrer Sendung nur gerecht, wenn sie sich als Zeichen und Keimzelle für die Einheit aller Menschen versteht: Wenn sie ihre Stimme erhebt für die, die durch populistisches Gerede in der Politik oder durch ungerechte Wirtschaftssysteme ausgegrenzt und ihrer Würde beraubt werden. Und wenn sie sich als Anwalt für Arme sowie für nachkommende Generationen versteht, auf deren Kosten wir leben und unseren Planeten ausbeuten.

„Damit alle eins sind“ – Lassen wir uns von diesem Wort Jesu aufs Neue inspirieren: als Einzelne, als Gemeinden, als Konfessionen, als Christenheit. Machen wir den alles umfassenden Horizont Jesu immer mehr zum Maßstab unseres Glaubens und Lebens. (Pastoralreferent Dr. Thomas Stubenrauch)

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Dr. Thomas Stubenrauch
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