Silbermöwe

Freitag, 21. Juni 2019

Damit junge Menschen eine Chance haben

Von Haßloch geht eine Patenschaftsinitiative aus, die bis heute im Norden Ugandas Kreise zieht

Harriet, die junge Lehrerin (zweite von links), mit Freundinnen. Foto: von Ehr

Ob große Organisationen, Ordensgemeinschaften oder Privatinitiativen  – sie alle werben dafür, Kindern in ärmeren Ländern der Erde eine Schulausbildung zu ermöglichen. Unumstritten sind persönliche Schulpatenschaften nicht. Bemängelt wird, es werde nur einzelnen Kindern geholfen, aber nicht dem Entwicklungsland, in dem sie lebten. Was also können Patenschaften bewirken? Ein Beispiel aus dem ostafrikanischen Uganda.

Eine 15-Jährige sitzt auf einem Stuhl, vor ihr kniet eine Mitschülerin und weint: „Mutter, verlass mich nicht, bitte verlass mich nicht …“ Die Schülerin auf dem Stuhl sackt zusammen. Die andere ruft verzweifelt: „Nein, nein, du darfst nicht sterben …“ Schülerinnen der St. Mary Assumpta Secondary School bei Adjumani im Norden Ugandas wollen den Besuchern mit ihrem Rollenspiel vor Augen führen, was in ihrem Heimatland der Tod einer Mutter bedeuten kann. Die Halbwaise muss die Schule verlassen, sich um Feld, Geschwister und Haushalt kümmern. Für den Schulbesuch ist kein Geld mehr da. So oder ähnlich spielt sich der Alltag vieler Heranwachsender in dem ostafrikanischen Land ab. Das Mädchen im Rollenspiel hat Glück, sie begegnet einem Pfarrer, der sich darum kümmert, dass sie ihren Schulabschluss machen kann. Happy End, sozusagen.

Ausbildung mit Hilfe aus Haßloch
Die etwa 25 Schülerinnen zwischen 14 und 18 Jahren, die sich an diesem Tag in der Schulbibliothek versammeln, verdanken es Menschen in Deutschland, genauer gesagt in Haßloch, dass sie ihre Mittlere Reife beziehungsweise ihr Abitur machen können. Ihre Pateneltern zahlen jährlich um die 300 Euro für Schule und Unterbringung im Internat. Die Jugendlichen wissen um ihre Chance. Und sie haben alle eine genaue Vorstellung, was sie in ihrem Leben erreichen wollen. „Ich will Jura studieren und Rechtsanwältin werden“, sagt Giulia, die im kommenden Jahr ihren Abschluss macht. Aufgrund ihrer guten Noten hat sie beste Aussichten auf ein Stipendium  – der nächste Schritt hin zu ihrem Berufswunsch. Auch die anderen lernen auf ein Ziel hin: Sie wollen Ärztin werden, Hebamme, Richterin oder Lehrerin.

Einige Kilometer entfernt in der Pfarrei Kureku wartet Harriet Andayo mit ihren Schülern auf den Besuch aus Deutschland. Unter den acht- bis 14-jährigen Volksschülern fällt die quirlige junge Frau beim Singen und Tanzen kaum auf. Die 21-Jährige ist eines der bislang 164 Patenkinder, die bereits im Leben Fuß gefasst haben. Nach ihrem Schulabschluss hat Harriet das zweijährige Lehrerseminar besucht und unterrichtet heute an einer katholischen Volksschule (vom ersten bis zum siebten Schuljahr).

Auch ihre Geschichte spiegelt den Alltag in Uganda wider. Für den Schulbesuch der Tochter hatte die Familie kein Geld. „Ich habe noch fünf Brüder. Als mein Vater starb, konnte meine Mutter das Schulgeld nicht mehr aufbringen“, erzählt Harriet. Pfarrer Elizeo Ovure hört von dem Schicksal des Mädchens und findet eine Familie in Haßloch, die die Kosten übernimmt. Der ugandische Priester, der in Innsbruck und Rom Theologie studierte, hat seit vielen Jahren  Kontakt in die katholische Pfarrei in Haßloch. Hier findet er auch offene Ohren für seine Idee der Schulpatenschaften. Aus einer zunächst privaten Initiative im Jahr 2001 ist inzwischen das Projekt „Bildung bedeutet nachhaltige Entwicklung“ entstanden. „Davon profitieren nicht nur die einzelnen Schüler, sondern auch die Schulen, die mit dem Geld in die Ausstattung investieren würden“, sagt Elke Kopf, die die Aktion mit ihrem Mann Michael ins Leben gerufen hat. Bausteine des Erfolgs seien die Kontakte zu Pfarrer Ovure, der die „Brücke“ von Uganda nach Haßloch bildet, und das gegenseitige Vertrauen.

Mit Leib und Seele Lehrerin
Harriet ist mit Leib und Seele Lehrerin. Sie unterrichtet englische Literatur und Mathematik. Angestellt ist sie bei der katholischen Pfarrei, die die Volksschule gebaut hat und die Lehrer bezahlt. „Im Gegensatz zu den staatlichen Schulen werden bei uns in einer Klasse 40 statt 100 Schüler unterrichtet. Wir können viel gezielter auf die einzelnen eingehen. So haben die Kinder bessere Voraussetzungen, eine weiterführende Schule zu besuchen“, sagt die junge Frau. Aber auch an der Privatschule ist nicht alles eitel Sonnenschein. Die Klassen 1 und 2 werden unter Mango-Bäumen unterrichtet. „Wenn es regnet oder der Wind stark bläst, werden sie nach Hause geschickt“, schildert die 21-Jährige. Aber obwohl Harriet ihre Arbeit liebt, hat sie noch berufliche Träume: „Ich würde gerne an der Universität studieren, um richtige Lehrerin zu werden  –  an einer Secondary School.“

Weiterkommen will auch Christopher  Ajiruku, der in einem kleinen Dorf in der Nähe von Metu  lebt und ebenfalls  an einer  Volksschule unterrichtet. Auch der 29-Jährige, der aus sehr ärmlichen Verhältnissen stammt,  konnte nur dank der Paten-Vermittlung von Elizeo Ovure einen Schulabschluss machen. „Ohne die Hilfe aus Deutschland hätte ich nie zur Schule gehen können“, sagt Christopher dankbar. Derzeit nutzt der junge Vater alle Schulferien, um sich weiterzubilden. Vier Semester dauert die Fortbildung. „Das bringt mir später ein höheres Gehalt“, sagt der Lehrer, der umgerechnet 120 Euro im Monat verdient. Neben all dem kümmert er sich  noch um seinen kranken Vater und bewirtschaftet dessen kleines Stück Land. Gerade weil er um die Chance der Patenschaft weiß, ärgert sich der Lehrer über seinen jüngeren Bruder. „Er hat die vierte Klasse Gymnasium nicht geschafft, er ist durch die Englisch-Prüfung gefallen.“ Ob er noch eine zweite Chance bekommt?

Patenschaften mit Ausstrahlung
Ihre Chance genutzt hat Getrude Maridiyo, die als Hebamme in einer Krankenstation  eines internationalen Hilfswerkes arbeitet. Die junge Frau, im achten Monat schwanger, hat eine vierstündige Busfahrt auf sich genommen, um beim Patentreffen dabei zu sein. Elizeo Ovure organisiert jedes Jahr in einer anderen Region ein Treffen all derer, die Patenkinder waren oder sind. Derzeit sind noch über 120 im Programm. Die 27-jährige Getrude, die noch drei Geschwister hat, wuchs in einer Familie auf, in der das Einkommen gerade so für das tägliche Leben  reichte. „Die Schulgebühr war da nicht mehr drin“, erinnert sie sich. Doch auch für sie fand sich ein Ehepaar in Haßloch, das in die Zukunft des Mädchens investierte. „Ich mag meinen Beruf sehr“, sagt Getrude. Beim Stichwort Mutterschutz schaut sie erstaunt: „Ich fühle mich wohl und habe vor, bis zum letzten Tag zu arbeiten.“ Die werdende Mutter hofft nur, dass ihr Mann, der als Pfleger in einer etwa 400 Kilometer entfernten Stadt arbeitet, bei der Geburt dabei sein kann. „Er wünscht es sich, aber …“ Gertrude scheint nicht daran zu glauben. Denn um in Uganda 400 Kilometer auf teils unbefestigten Pisten zurückzulegen, braucht es Stunden.Mit Autos und Straßenverhältnissen kennt sich James Mawadri bestens aus. Der 27-Jährige fährt die Besucher aus Deutschland sicher quer durch das Land – auf holprigen Pisten, Teerstraßen mit Schlaglöchern und durch das Verkehrschaos der Hauptstadt Kampala. James war fünf Jahre alt, als sein Vater zu Tode kam. Drei Jahre später starb die Mutter. Er kam zu seiner Großmutter, die sich um ihn und seine vier Brüder kümmerte. Durch eine Patenschaft konnte er die weiterführende Schule absolvieren und eine Ausbildung zum Automechaniker machen.

Mit einer Vision für Uganda
James ist ehrgeizig. In Moyo, einer Stadt an der Grenze zum Südsudan, hat er einen Laden für Autozubehör, daneben repariert er Autos. „Ich verstehe nicht, wie die Männer hier den ganzen Tag rumsitzen können, ohne was zu tun“, zeigt James Unverständnis über viele seiner Geschlechtsgenossen. Denn er will etwas erreichen. Für sich und seine Frau, die als Lehrerin in einem Flüchtlingscamp arbeitet, hat er außerhalb der Stadt ein Haus gebaut. Keine Rundhütte, wie sie in Uganda üblich ist. „Sondern ein richtiges Haus“, wie er voller Stolz sagt. Auch James weiß, ohne Bildung und Beruf wäre das alles nicht möglich.

Doch  Bildung ist immer noch nicht selbstverständlich. So kann die Aufschrift auf einem T-Shirt, das ein Lehrer an der St. Mary Secondary School trägt, auch als Auftrag verstanden werden. Übersetzt steht da „Vision für Uganda 2040. Bildung für alle Mädchen“. Durch die Patenschaften können Armut und Ungerechtigkeit nicht aus der Welt geschaffen werden. Aber sie geben Jungen und Mädchen eine Zukunft und damit auch dem Land, in dem sie leben.

(Anne-Susann von Ehr)

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