Pilgern

Mittwoch, 22. Juli 2015

Das Gefängnis, das einst Kloster war

In Clairvaux wird seit 900 Jahren ein strenges Leben gelebt – Geistliche Gemeinschaft hat sich niedergelassen

Das ehemalige Kloster von Clairvaux ist heute ein Gefängnis. Foto: frei

Als sich vor ziemlich genau 900 Jahren, am 25. Juni 1115, zwölf Mönche in Clairvaux niederließen, da hatten sie ihr Ziel erreicht. Ein „clara vallis“, ein „helles Tal“, hatten sie gesucht. Und dieses hier, das Val d'Absinthe etwa 50 Kilometer von Troyes, erfüllte die Voraussetzungen für ihre Klostergründung: Abgeschiedenheit und ausreichend fließendes Wasser für ihre landwirtschaftlichen Aktivitäten. Wer heute nach Clairvaux kommt, der wollte nicht zwingend auch dorthin. Clairvaux dient als Hochsicherheitsgefängnis.

Der heilige Bernhard und seine Gefährten brachten aus dem Mutterkloster Citeaux ein strenges Armutsideal und Arbeitsethos mit: eine radikale Reform des benediktinischen Mönchtums, die Bernhard zu einer europaweiten Bewegung machte. Clairvaux war die erste Tochtergründung von Citeaux, und allein in den 38 Jahren bis zu Bernhards Tod wurden weitere rund 350 Tochterklöster gegründet.
Mit den Jahrhunderten allerdings verfiel die strenge Disziplin der Gründer. 1812 verfügte Napoleon eine Umwandlung zum Staatsgefängnis, dem damals größten des Landes. Dafür wurde bis 1819 die Abteikirche abgerissen, die die Revolution unbeschadet überstanden hatte. Das heutige Prunkstück, das Gebäude der Laienbrüder aus der Gründungszeit, wurde zur Werkstatt der Sträflinge und entging so der Zerstörung.

Mörder und Staatsverräter, Sozialisten, Anarchisten, Meuterer und Revolutionäre wurden in Clairvaux mit gemeinen Strauchdieben zusammengesteckt. Die Haftbedingungen waren so unwürdig, dass sie Victor Hugo 1834 zu einer Kurzgeschichte inspirierten. Rund 30 Jahre später arbeitete er den Stoff zu seinem Epos über die sozialen Ungerechtigkeiten im 19. Jahrhundert aus: „Les Misérables“ (Die Elenden). Zwischen 1875 und 1970 lebten die Häftlinge – als Verbesserung – in rund 700 Metallkäfigen. Diese rostigen Zellen, „cages a poules“ (Hühnerkäfige) genannt, sind bis heute zu besichtigen und lassen den Besucher erschauern.
1971 wurde das Gefängnis gründlich umgebaut: für „Klasse statt Masse“. In den Neubauten finden nur noch ausgesuchte Langzeitklienten der französischen Justiz Obdach, derzeit rund 150. Eine private Initiative erwirkte 1985, dass Teile des Komplexes für Besichtigungen freigegeben wurden. Der Verein „Wiedergeburt der Abtei Clairvaux“ hat in diesen 30 Jahren zahlreiche Initiativen gestartet.

Auch das geistliche Leben in Clairvaux ist nicht ganz erloschen. 1990 machte sich eine Gruppe von Laien auf die Suche nach dem Charisma des Ortes. In einer Scheune in direkter Nachbarschaft gründete sich eine einfache Gemeinschaft: mit schlichtem Lebensstil, Askese, Arbeit und gemeinsamen Schriftlesungen. Drei von diesen „zisterziensischen Laien“ sind derzeit übrig: der frühere Gefängnisseelsorger, ein pensionierter Universitätslehrer und ein Rentner aus Nebraska. Sie freuen sich auf das Treffen mit rund 200 Äbten der weltweiten Zisterzienser-Familie, die sie für Ende August eingeladen haben. (red)

Buchungen für die rund 75 Minuten dauernde Führung unter www.abbayedeclairvaux.com

 

 

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Redaktion
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

Zurück zum Archiv

Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren