Wochenkommentar

Mittwoch, 08. Januar 2020

Das ist keine harmlose Albernheit

Liedtext ist eine unglaubliche Respektlosigkeit

„Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ – der Text wird schon seit hundert Jahren gesungen. Und niemand hat sich darüber aufgeregt, selbst Omas haben schmunzelnd mitgesungen; denn jeder hat die Zeilen als liebenswürdigen Jux verstanden. Das galt auch für zahlreiche Text-Ergänzungen. Aber jetzt gibt es eine Welle der Empörung. Denn der Westdeutsche Rundfunk (WDR) hat einen Dortmunder Kinderchor singen lassen „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“.
Ist das Ausmaß der Empörung gerechtfertigt? Darf nicht Satire alles? Nein: Die Empörung kann gar nicht groß genug sein. Denn diese Zeile ist Ausdruck von unsäglicher Dummheit und unglaublicher Respektlosigkeit.
Da haben Erwachsene einen Text geschrieben, ihn mit Kindern einstudiert: Meine Oma ist ’ne alte Sau! Würden Verfasser, Chorleiter und der zuständige Abteilungsleiter ihre eigene Großmutter so nennen? Sollen Kinder ihre Großmütter „alte Sau“ nennen? Ist bei keinem der Sprachkünstler im WDR eine rote Lampe angegangen? Was bedeuten in einem solchen (öffentlich-rechtlichen) Unternehmen die Wörter „verantwortlich“ und „Verantwortung“? Und: Wird jemand zur Rechenschaft gezogen? Oder geht’s weiter mit der um sich greifenden Verrohung unserer Sprache und im Gefolge mit der Verrohung des Denkens und Handelns?
Das alles sind Fragen, die Entwicklung und Zustand unserer Gesellschaft betreffen. Da ist kein Anlass zum Schmunzeln gegeben – denn wir sind in Teilen ziemlich heruntergekommen. Gut, dass ein außergewöhnlich hohes Maß an Empörung laut geworden ist. Der erste Satz unseres Grundgesetzes lautet „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Aber leider wird er manchmal mit Füßen getreten – zum Beispiel auch mit dem Text über die Großmütter.

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