Kultur

Mittwoch, 21. März 2018

Das Jüngste Gericht zeitgemäß erschließen

Ein Rundum-Erlebnis – Die berühmteste Kapelle der Welt als multimediales Spektakel

Die Sixtinische Kapelle einmal anders: Die spektakuläre Bühnenshow „Guidizio Universale“ erzählt die Geschichte Michelangelos und seines Werkes. Foto: actionpress

Die Sixtinische Kapelle hat nun eine Art Jugendabteilung. Ein digital gezaubertes Wunderwerk, projiziert auf die Wände des eigens umgebauten Auditoriums an der Prachtstraße zum Petersdom, belebt von Schauspielern, Musik, Licht- und Bühnentechnik. Erdacht hat das Marco Balich, Schöpfer großer Zeremonien zu Olympischen Spielen und anderen Massenevents. Jetzt hat er sich daran gewagt, das Jüngste Gericht Michelangelos zeitgemäß zu erschließen. Es ist eine Gänsehautmaschine für die Generation Instagram.

Die Initiative, das betont der Vatikan, ging von Balich aus – der schon weitere ähnliche Projekte in Städten wie Mailand oder Florenz plant. Nichtsdestoweniger spricht die Direktorin der Vatikanischen Museen, Barbara Jatta, anerkennend von einer Synthese von Tradition und Innovation, besonders was den Zugang junger Menschen zur Kunst angeht.

So steckt viel Sorgfalt in den 270-Grad-Projektionen, in denen sich die Geschichte Michelangelos entfaltet: In fließend verbundenen Episoden erzählt die einstündige Bühnenshow vom Wirken des Florentiner Universalgenies, vom Entstehen der Wand- und De-ckenfresken der Sixtina, deren theologische Bezüge sie fast beiläufig erläutert; sie schildert in stimmungsvollen Bildern die geheimste Zeremonie der Kapelle, das Konklave, und endet bei ihrem letzten und größten Kunstwerk: dem Jüngsten Gericht.

„Giudizio Universale“ ist ein sinnliches Spektakel: Glocken schwingen, Kardinäle schweben, Michelangelo pendelt von der Decke der Sixtina, zur Papstwahl verströmt ein Kamin weißen Rauch mit Weihrauchduft. Die Choreografie von Fotis Nikolaou, die Musik von John Metcalfe, die Kostüme, das Lichtdesign – alles zielt darauf, den Betrachter wie in Trance und Zeitraffer durch das Rom des 16. Jahrhunderts zu führen. Das Jüngste Gericht begleitet Sting. Er hat das „Dies irae“ neu vertont, jenen mittelalterlichen Hymnus, mit dem Generationen von Betern voller Bangen und Hoffnung vor ihren letzten Richter traten.

Bis zum Start am 16. März gingen 35000 Eintrittskarten für „Giudizio Universale“ weg. Das klingt stattlich und ist doch nur das Doppelte dessen, was die echte Sixtina an einem durchschnittlichen Tag an Touristen sieht. Der Besucherdruck gilt seit langem als logistisches und konservatorisches Problem. Dabei bestreitet das Museum, man wolle ein bestimmtes Spektrum von Gästen in das digitale Surrogat umleiten.

Nicht ohne Grund ziehen Kardinäle sich zum Konklave in die Sixtina zurück, vor den Weltenrichter Michelangelos. Zu normalen Besuchstagen ist die Kapelle nicht einmal mehr für Hartgesottene ein Andachtsraum der Kunst. Lulu Helbek, Co-Regisseurin von „Giudizio Universale“, bringt das Dilemma auf den Punkt: Der Mensch lebe von jener Schönheit, die man selbst in der Sixtina nicht mehr mit der nötigen Ruhe finden könne.

Des Problems ist sich auch Dario Vigano bewusst, Leiter des päpstlichen Mediensekretariats. Kunst müsse vor Verschleiß durch Massentourismus bewahrt werden. Das klingt nach einer Debatte im Vatikan über Obergrenzen für Besucherzahlen der Sixtina. Mit neun Millionen Euro werden die Kosten von „Giudizio Universale“ beziffert, finanziert von Privatleuten. Die Schau soll eine Lücke füllen, das bislang keine Musicals oder Bühnenshows zu bieten hat. Kulturminister Dario Franceschini übernahm deshalb die Schirmherrschaft. Natürlich kassieren die Vatikanischen Museen einen Obolus für die Bildrechte, eine „lächerliche Summe“, so die Direktion.

Die Schlusstakte von „Giudizio Universale“ gehören dem swingenden Sting. Strahlenbündel im dunklen Auditorium heben Blick und Gemüt der Zuschauer empor, bevor sie zu einer gleißenden Scheibe verschmelzen. „Wir kommen aus Licht und gehen ins Licht“. Die Show solle diejenigen erreichen, „die gewohnt sind, 20-Sekunden-Videos auf dem Smartphone zu schauen“, sagt Balich.Michelangelo schuf ein Werk für die Ewigkeit. Balich lässt es für einen Augenblick funkeln. (Burkhard Jürgens, KNA)

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