Kirche und Welt

Mittwoch, 25. Mai 2016

Das Leiden ist unaussprechlich

Der Pfarrer von Aleppo über die Lage der Christen in der Stadt

Franziskanerpater Ibrahim Alsabagh, Pfarrer der katholischen Gemeinde Heiliger Franziskus von Assisi in Aleppo. Foto: KNA

Im syrischen Aleppo spitzt sich die Lage für die Bevölkerung dramatisch zu, wie Franziskanerpater Ibrahim Alsabagh, Guardian des dortigen Klosters, im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Beirut berichtet. Am 21. Mai kam es zu einem schweren Raketenangriff auf die als Altenheim genutzte Schule der Franziskaner.

Pater Ibrahim, Sie haben gerade sehr traurige Nachrichten aus Aleppo erhalten.
Am Samstagnachmittag wurde unsere Schule von zwei Raketen getroffen. Ein heftiger Einschlag traf den Salon der Schule, in der wir seit einem Jahr die Bewohner eines Altenheims beherbergen. Eine Bewohnerin wurde getötet, zwei weitere verletzt, eine von ihnen schwer. Der Einschlag war weithin spürbar. Das Terra-Sancta-College galt als wichtiger Treffpunkt für die christlichen Familien von Aleppo. Dort hatten die Kinder einen Platz zum Spielen. Es war der einzige Ort, an dem es noch etwas Grün gab und wo alle Jugendgruppen, die nicht mehr aus Aleppo raus können, ihre Sommercamps veranstalten konnten.

Wie ist derzeit die Lage im belagerten Aleppo?
Über Stunden oder Tage gibt es kein Leitungswasser. Es gibt keinen Strom, alles hängt von Generatoren ab. Die Menschen müssen Strom kaufen, um eine Lampe oder den Fernseher nutzen zu können. Die Menschen trauen sich nicht mehr auf die Straße oder in die Schule. Es gibt nirgends Sicherheit, die Raketen schlagen überall und in jedem Moment ein. Sie treffen auch Moscheen, Kirchen, Krankenhäuser und Wohnhäuser. Wie immer zahlen die Unschuldigen den Preis für diesen absurden Krieg. Weder für Christen noch Nichtchristen ist Aleppo noch eine Stadt zum Leben. Es ist kein Ort, an dem man sich vorstellen kann, seine Kinder aufzuziehen oder zu heiraten. Dazu kommen die hohen Lebenshaltungskosten. Die Preise steigen täglich und die Menschen werden immer bedürftiger.

Wie ergeht es Aleppos Christen?
Wir sehen einen Anstieg an psychologischen Problemen und Erkrankungen. Die Mehrheit der Menschen, vor allem Frauen und Kinder, können nicht mehr schlafen. Die Kinder wollen nicht allein bleiben. Es herrscht eine große Verunsicherung unter den Christen, die sich auf lebenswichtige Entscheidungen auswirkt: Bleiben wir in Aleppo? Fliehen wir? Haben wir vielleicht die falsche Entscheidung getroffen? Das sind die Fragen, die sich heute jede christliche Familie in Aleppo stellt.

Und die Antworten?
Viele fliehen, vor allem seit die Wohnhäuser unter ständigem Beschuss stehen. Nicht immer fliehen sie aus Syrien, sondern auch in ruhigere Städte des Landes. Aber auch die Flucht ist ein großes Risiko für die Familien. Sie riskieren ihre Häuser, Arbeitsstellen und stürzen sich in eine andere Welt, in der sie nichts haben. Auch die Stabilität der Familie wird gefährdet. De facto kommt es zu zahlreichen Trennungen, wenn etwa die Frau mit den Kindern flieht, und der Ehemann allein zurückbleibt, manchmal für Jahre. Für die christliche Gemeinschaft sind dies sehr finstere und schwierige Zeiten. Der Terror ist groß und das Leiden enorm.

Kann die Pfarrei den Menschen helfen?
Wir sind fünf Franziskaner, zusätzlich zum lateinischen Bischof von Aleppo, der einer unserer Mitbrüder ist. Wir stellen uns in den Dienst der Menschen – mit dem Wort Gottes, mit Sakramenten und mit Trost. Gleichzeitig fühle ich mich zurzeit eher in der Rolle einer Mutter als eines Paters: Die materielle Sorge für die Menschen überwiegt. 90 Prozent der christlichen Familien leben unter der Armutsgrenze. Jeden Monat geben wir inzwischen Lebensmittelpakete an 2000 Familien aller Konfessionen aus. Zudem helfen wir mit Geld, damit die Familien Strom kaufen können. Viele Menschen benötigen Untersuchungen und Medikamente, zum Teil auch chirurgische Eingriffe. Wir übernehmen quasi 100 Prozent dieser medizinischen Kosten. Wir helfen mit Mieten und Schulgeld. Wir kümmern uns um behinderte Kinder. All das sehen wir als unsere Prioritäten an. Daneben gibt es noch weitere Formen der Hilfe, etwa die Ausgabe von Wasser, die Reparatur zerstörter Häuser oder die Übernahme von Bankschulden für Christen, denen andernfalls der Verlust des Hauses droht.

Wie kann die weltweite Kirche helfen, was ist besonders dringlich?
Die Kirche hilft bereits, angefangen mit Papst Franziskus und seiner deutlichen Stimme gegen Krieg und Waffen und für Dialog und Frieden, aber auch mit sehr konkreten Hilfsaktionen. Dafür sind wir sehr dankbar. Ohne diese Unterstützung könnten wir nichts machen. Sehr wichtig ist auch das Gebet, das uns Kraft gibt. Denn wir sehen, dass die Menschen allein es nicht mehr schaffen, ihre Probleme zu lösen.

Was ist Ihr Appell an die Welt?
Mein Appell gilt dem Frieden. Uns liegt an allen Menschen, auch an jenen, die in Syrien gegen uns kämpfen. Wir wollen ihr Heil. Wir beten auch für die, die uns bombardieren. Schluss mit diesem Krieg und dem Hass. Versuchen wir, dem anderen die Hand auszustrecken und mit Dialog zu Gerechtigkeit und Frieden zu gelangen. Das erbitte ich aus ganzem Herzen auch von jenen, die so viele Unschuldige getötet haben. Im Jahr der Barmherzigkeit ist auch für sie Platz beim Vater, der sie zur Versöhnung mit sich und mit ihren Mitbrüdern ruft. (Interview: Andrea Krogmann)

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