Geistliches Leben

Mittwoch, 18. Dezember 2019

Das Wort hören: „Ich bin da“

Gottes Wort erweckt mich zum Menschen – Hören und sich verwandeln lassen

Der Johannes-Prolog preist das schöpferische Wort, das seinen Ursprung in Gott hat, ja Gott selbst ist. Ein Wort, durch das alles, was ist, geworden ist, Bestand hat, lebt und sich entfaltet. Es ist das Wort, das Gott auf der ersten Seite der Bibel spricht: es bewirkt alles, ruft ins Sein, in werdendes Sein, das sich nach Vollendung ausstreckt, und alles ist gut! Es schafft die Welt, erfüllt sie mit Leben und – der Güte Gottes. Das Wort ist Wort der Liebe. Die Schöpfung ist ein Liebesakt Gottes.
Das Wort ist „Fleisch“ geworden, es ist Teil dieser Welt, es ist Mensch geworden. Christus wird zum neuen Tempel und Ort Gottes in der Welt. Johannes bezeugt, dass die, die das Wort annehmen, die liebende Zuwendung Gottes erfahren, so, dass sie selbst, wie das Wort, Mensch werden. Wer dieses Wort annimmt, wird „aus Gott geboren“, er wird „Kind Gottes“ und gehört nicht mehr zur „Welt“, die für Johannes durch die Entscheidung „der Seinen“ gegen das Wort zum gegengöttlichen Raum geworden ist. Er ist Teil der göttlichen Welt, auch wenn er noch in der irdischen lebt.
Welche Bedeutung hat das im Alltag meines Lebens. Wie ist das: „Gottesgeburt“ heute? Wo ist dieses Wort zu finden, das lebendig und zum Menschen macht? Damit meine ich ein wirkliches Wort, nicht den „Sprechdurchfall“, der uns heute überall heimsucht. Gibt es den Raum noch, in dem Gottes Wort mich ansprechen kann, um mich zum Menschen zu erwecken, zum Träger des Wortes, das lebendig macht? Glaube kommt vom Hören. Gibt es noch den Hör-Raum? Den Raum der Stille? In dem ich hören und mich von einem Wort treffen lassen kann? Haben Sie so einen Ort? Das kann zu Hause sein, in der Natur, unter meinem Lieblingsbaum, oder gar in einer Kirche, die geöffnet ist und Stille schenkt, wo draußen Trubel herrscht.
Ich finde diese Stille an meinem Schreibtisch beim Lesen und Schreiben. Aber was lese ich, was schreibe ich? Von welcher Qualität sind meine Texte? Je älter ich werde, umso mehr Lyrik lese ich. Kann ich in einem Gedicht Gottes Wort vernehmen? Wie achtsam gehe ich mit Worten unserer Sprache um? Achtsamkeit im Gespräch mit Menschen ist eine Form von Wertschätzung des Dialogpartners, aber auch der Sprache und des Wortes. Eine so verstandene Achtsamkeit öffnet mich zum Hören. Das Wort, das mich trifft, will mich verwandeln. Und lasse ich diese Verwandlung zu, werde ich zu einem, der durch das Wort „aus Gott geboren“ wird. Dann kann ich auch ein Stück der „Welt“ verwandeln.
Am Versöhnungstag – jom kippur – ging der Hohepriester in das Allerheiligste des Tempels in Jerusalem. Dort, in der Stille der Gegenwart Gottes, hauchte er, kaum wahrnehmbar, den Namen Gottes, den Jüdinnen und Juden aus Ehrfurcht nicht aussprechen: Jahweh. Stellvertretend für das Volk bat er so um Vergebung der Sünden. Er öffnete sich damit hörend für das versöhnende Wort Gottes. Wo ist mein Allerheiligstes? Kann ich es wie der Hohepriester betreten? Ist es mein Innerstes, mein Herz? Oder der Raum einer Begegnung mit Menschen? Ein Mensch, der mich anschaut und mit Sympathie oder gar zärtlich anspricht? Vielleicht kann ich es da hören, das Wort, nur für mich, ganz leise, wie gehaucht, „eine Stimme verschwebenden Schweigens“ (1 Kön 19, 12 – Übersetzung Martin Buber): „Ich bin da.“

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