Geistliches Leben

Montag, 31. Juli 2017

Den Himmel erden

„Gipfelgespräche“ an den Wendepunkten im Leben Jesu – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 17, 1–9 von Hans Kirsch

Jesus ist nicht mit einem Heiligenschein geboren, noch hat Göttlichkeit aus seinen Windeln gestrahlt. Wie aber ist er zum Messias, zum Christus, zum Sohn Gottes geworden, an den wir Christen glauben? Das ist in Etappen geschehen. Die erste hatte ihren Mittelpunkt in Nazareth, zunächst im häuslichen Kreis einer einfachen Familie, später mit dem erweiterten Horizont des gelernten Bauarbeiters. Dabei lernt der junge Jesus sehr genau das müh- und oft armselige Leben seiner Landsleute kennen, verschuldete Kleinbauern, landlose Pächter, auf Saisonarbeit angewiesene Tagelöhner, Arme, Kranke und Ausgestoßene. Beim Wiederaufbau der nahe gelegen Stadt Sepphoris lernt er als intelligenter junger Mann einiges von der großen weiten Welt kennen, aber auch die explosive Stimmung der unter der römischen Besatzungsmacht leidenden Bevölkerung.

Angesichts dieser Zustände kann er sich nicht mehr auf ein privates Leben beschränken! Seine Bibel verlangt jedenfalls mehr. Um Klarheit zu bekommen, macht er sich auf den Weg an den Jordan zu Johannes. Dort wird er getauft und erhält die Kraft des Heiligen Geistes. Eine „Stimme aus dem Himmel“ bezeichnet ihn öffentlich als „geliebten Sohn...“ und bestätigt seinen Entschluss, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, als Gott wohlgefällig. Bei 40-tägigem Fasten in der Wüste lernt er die möglichen Fallen seines Vorhabens kennen und festigt seine Entscheidung endgültig.

Er geht nach Galiläa und verkündet im weiten Umfeld des Sees Genezareth seine Utopie vom Reich Gottes. Er spricht davon im kleinen vertraulichen Kreis und vor Hunderten aufmerksamer Zuhörer in der Öffentlichkeit. Das Volk hängt ihm an und liebt ihn. Denn mit seiner einfachen Sprache und den verständlichen Gleichnissen verkündet er den alten Gott ganz neu, und er beglaubigt seine Reden mit überzeugenden Taten. Nicht die Mächtigen und Reichen, sondern die Randfiguren stellt er in die Mitte: Arme, Kranke, Behinderte, Verachtete, Ausgeschlossene, Bedrückte aller Art. Nicht Gehorsam und Kult stehen an erster Stelle, sondern die Würde und das Wohl der Entrechteten. „Dienen statt herrschen“ und „die Armen zuerst!“ sind die Leitlinien. Das macht die Autoritäten in Jerusalem hellhörig. Sie fühlen sich bedroht, es formiert sich Widerstand von oben. 

Jesus sieht sich vor eine neue Herausforderung gestellt. Eine schwerwiegende Entscheidung steht an: Soll er den Weg nach Jerusalem gehen und die Auseinandersetzung mit den mächtigen Eliten aufnehmen oder nicht? Wie gewohnt holt er sich im Gebet Klarheit und Kraft. Er nimmt drei seiner Jünger mit; denn es betrifft auch sie. Es geht um eine neue Dimension seines und ihres künftigen Wirkens, um das Aufde-cken von „sündigen Strukturen“. „Wenn ich helfe, den Hunger der Armen zu stillen, nennt man mich einen Heiligen. Wenn ich frage, warum sie Hunger haben, klagt man mich an, Kommunist zu sein.“ So charakterisiert Helder Camara die politische Dimension des Evangeliums. Und die kann lebensgefährlich werden – damals wie heute. „Sterben muss, wer an Götzen rührt“ überschreibt Jon Sobrino 1989 den Bericht über die Ermordung seiner Jesuitenkollegen in San Salvador. Wie viele andere hatten sie nach der Devise des in Bolivien bestialisch hingerichteten Jesuitenpaters Luis Espinal gehandelt: „Wer nicht den Mut hat, für die Menschen zu reden, hat auch nicht das Recht, von Gott zu sprechen.“

Auf dem Berg erscheinen vor den Augen der Jünger Mose und Elija. Mose, der große Befreier und Gesetzgeber, der sein Volk aus der Sklaverei befreite, am Sinai ihm die Zehn Gebote überbrachte und es auf dem langen Weg durch die Wüste anführte. Elija steht für die Propheten Israels, die verfolgt und getötet wurden, weil sie mit öffentlicher Kritik darüber wachten, dass die Gebote Jahwes eingehalten werden, damit die Armen zu ihrem Recht kommen. Bekannt war auch die Begegnung Elijas mit der Witwe von Sarepta. Weil sie bedingungslos mit dem Flüchtling teilte, wurde „der Mehltopf nicht leer und der Ölkrug versiegte nicht“. Vertrauen und Teilen ermöglichen Überleben auch in größter Not. Wir erahnen leicht, worüber da auf dem Berg gesprochen wurde, und verstehen, dass Jesus jetzt sicher ist, die Auseinandersetzung mit den Mächtigen in Jerusalem aufnehmen zu müssen. Aber nicht auf einem Schlachtross zieht er dort ein, sondern auf einem Esel. Mit friedlichen Mitteln kämpft er, aber mit scharfer Zunge und eindeutig – und er zahlt den Preis dafür.

Wir dagegen möchten mit Petrus zum erbaulichen Verweilen auf dem Berg Hütten bauen, statt im Kampf gegen  das riesige Ausbeutungssystem des globalen Kapitalismus uns aktiv einzubringen. Und dies, obwohl wir als Kirche über eine weltweite Organisationsstruktur bis hinab an die Basis verfügen und im Rücken das Evangelium vom Reich Gottes haben.

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