Kirche und Welt

Mittwoch, 27. Januar 2016

„Den Menschen ist nichts mehr heilig“

In jedem Jahr werden mehr als 2000 Kircheneinbrüche verzeichnet

Kirchen – vor allem Opferstöcke – üben auf Einbrecher und Diebe eine große Anziehungskraft aus. Die Beute ist meist jedoch gering. Foto: kna

In England deckten Diebesbanden unlängst ganze Kirchendächer ab. Das dort verbaute Blei wird zu hohen Preisen gehandelt. Hierzulande ist die Lage weniger dramatisch, aber „ärgerlich“, wie Experten sagen.

Im sachsen-anhaltinischen Quedlinburg erwischte es den heiligen Antonius, im baden-württembergischen Gaildorf verschwanden gleich mehrere silberne Kelche und Kannen und in Bremen ließen die Diebe zwölf Kirchenfiguren mitgehen – samt 100 Flaschen Rotwein. Jahr für Jahr verzeichnen die Behörden deutschlandweit mehr als 2000 Kircheneinbrüche. Dabei sind Kunstdiebstähle eher die Ausnahme, wie aus den Statistiken der Landeskriminalämter für die Jahre zwischen 2010 und 2014 hervorgeht, die die Katholische Nachrichten-Agentur ausgewertet hat. Weitaus häufiger haben es die Langfinger auf den Inhalt aus Opferstöcken abgesehen, auf Geräte wie Beamer oder Laptop. Oder auf Buntmetall von Regenrinnen bis hin zu gusseisernen Türen.

Natürlich sind es die spektakulären Fälle, die für Schlagzeilen sorgen. So forderte der US-amerikanische Kunsthistoriker Jeffrey F. Hamburger in einem Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vor gut zwei Jahren „außergewöhnliche Maßnahmen“, um das gestohlene Borghorster Stiftskreuz wiederzuerlangen. Die Täter sind inzwischen gefasst – doch die wertvolle Goldschmiedearbeit aus dem 11. Jahrhundert, die in der katholischen Nikomedes-Kirche im westfälischen Steinfurt aufbewahrt wurde, ist noch nicht wieder aufgetaucht. „Wir hoffen noch immer auf die Rückführung des Kreuzes“, sagt Lutz Dettmer vom Versicherungsdienst ecclesia. Am Sitz des Unternehmens in Detmold läuft ein Teil der Schadensmeldungen aus den Gemeinden und Pfarreien zwischen Flensburg und Passau ein.

Der Eindruck des Experten deckt sich im Wesentlichen mit den Statistiken der Landeskriminalämter. Das Niveau bleibt seit Jahren stabil, Kunst und Antiquitäten gehören eher selten zum Diebesgut. Mit Blick auf die absoluten Zahlen äußert Dettmer allerdings Zweifel. Ihm kämen sie recht hoch vor. Das wiederum mag unter anderem damit zusammenhängen, das nicht jeder Diebstahl oder Einbruchversuch den Versicherungen angezeigt wird. Und dass es unterschiedliche Definitionen bei der statistischen Erfassung der Taten durch die Behörden gibt. Die meisten sprechen von „Diebstählen unter erschwerenden Umständen, einige von „Einbrüchen in Kirchen“, andere verzeichnen separat „besonders schwere Fälle des Diebstahls von Kunst und Antiquitäten“.

Die beiden großen Kirchen führen dazu kein zentrales Register. Stattdessen verweisen die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) auf die kirchlichen Versicherungsdienste wie ecclesia oder auf Bistümer und Landeskirchen. Peter Weidemann, Sprecher des Bistums Erfurt, bezeichnet die Diebstähle gegenüber der KNA als „ärgerlich“, aber keineswegs alltäglich. In einem einzigen Fall zwischen 2010 und 2014 betrug die Schadenssumme demnach 5000 Euro, „die meisten anderen Fälle lagen weit darunter“.

Bleibt die Frage, warum Gotteshäuser ins Visier von Dieben geraten. „Den Menschen ist nichts mehr heilig“, klagte Andreas Rossmann im Herbst 2014 in der FAZ. Ähnlich bringen es auch Experten auf den Punkt. In den jeweiligen Statistiken kann sich diese Beobachtung freilich unterschiedlich niederschlagen.

Kriminalkommissar Peter Wandinger vom Bayerischen Landeskriminalamt etwa leitet aus den Zahlen für sein Bundesland ab, dass der Diebstahl von sakraler Kunst seit Jahren zurückgehe. „Während es in den 70er- und 80er-Jahren Mode war, im Treppenaufgang oder im Wohnzimmer eine Heiligenfigur zu haben, hat dieses Interesse bei der heutigen Generation heftig nachgelassen.“ Die Folge: „Der Markt für die Täter ist eingebrochen.“

Manche Nachrichten hinterlassen freilich ein mulmiges Gefühl. Vor dem Kölner Landgericht läuft derzeit ein Prozess gegen acht mutmaßliche Salafisten. Sie sollen bei Einbrüchen in Kirchen und Schulen zwischen 2011 und 2014 fast 20000 Euro erbeutet haben. Mit dem Geld wollten sie laut Anklage die Terrororganisation „Islamischer Staat“ unterstützen. Insgesamt verursachten Kirchendiebe in Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland mit den laut LKA-Statistiken meisten Einbrüchen, zwischen 2010 und 2014 einen Schaden von 2,5 Millionen Euro. „Peanuts“ sind das sicher nicht. Und wenn ein Kunstwerk verschwindet, ist der immaterielle Verlust nicht wieder wettzumachen.

Ein Blick in die Geschichte zeigt: Kirchendiebstähle sind kein neues Phänomen. Im Mittelalter wurden Söldnerhaufen wie die Brabanzonen, die auch vor Kirchenplünderungen nicht Halt machten, zu einer Plage. Das dritte Laterankonzil im 12. Jahrhundert belegte darauhin mit einem Kirchenbann, wer seine Kriegsführung auf diese gedungenen Kämpfer stützte. Kirchendiebstähle wurden damals mit der Todesstrafe geahndet. Heute stehen auf schwere Fälle bis zu zehn Jahre Freiheitsentzug. (Joachim Heinz, kna)

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