Geistliches Leben

Mittwoch, 18. März 2020

Der Blinde

Jesus heilt, äußerlich und innerlich - Gedanken zum Johannes-Evangelium 9, 1-41 von Diplom-Theologe Stefan Dreeßen

Es ist immer wieder spannend und sehr lehrreich, die Lebensgeschichte von Menschen, besonders die Biographie von Menschen mit Behinderung, zu lesen. Wie kam es zu der Behinderung? Hat dieser Mensch diese Behinderung von Geburt an oder ist sie erst später aufgetreten? War es ein Unfall oder eine Erkrankung, die zu der Behinderung geführt hat? Wie geht der Betroffene mit seiner Behinderung um? Wie reagiert sein Umfeld, seine Eltern und Geschwister, seine Freunde und Bekannten, seine Nachbarschaft auf seine Behinderung? Findet der Betroffene eine geeignete Ausbildung und anschließend einen passenden Beruf? Kann er diesen auch dauerhaft und selbstständig ausüben? Reicht der Verdienst, um davon leben zu können? Ist er auf Unterstützung angewiesen, finanziell oder auch personell, z. B. durch persönliche Assistenz bei der Alltagsbewältigung.

Ich hatte die Möglichkeit, vielen Menschen mit Behinderung in den letzten Jahren zu begegnen, darunter auch einigen prominenten, blinden Menschen. Hier erinnere ich mich an den blinden Sänger Ray Charles, den ich Anfang der 90er Jahre live in der Kölner Philharmonie erleben konnte. Er wurde von Helfern zum Klavier begleitet, spielte genau eine Stunde und 15 Minuten, gab selbstbewusst keine Zugabe trotz großer Zurufe und wurde wieder aus dem Saal geführt. Die Besucher und ich waren trotzdem begeistert von seiner Musik und seiner Ausstrahlung. An dieser Stelle sei auf den Film „Ray“ hingewiesen, der seinen Werdegang mit seinen Höhen und Tiefen sehr realistisch nachzeichnet. Dann erinnere ich mich noch an Andrea Bocelli, den ich 1997 beim Weltjugendtag in Paris erleben durfte. Er sang vor einer Menschenmenge von fast einer Million Jugendlicher auf der Pferderennbahn Longchamps in Paris am Abend, bevor Papst Johannes Paul II. am nächsten Tag erwartet wurde. Es gehört schon sehr viel Professionalität und Mut dazu, vor so einer großen Kulisse zu singen und sich zur katholischen Kirche und seinem Oberhaupt zu bekennen.

An zwei Personen, von denen ich leider nur durch Film und durch Interviews gehört habe, möchte ich noch erinnern. Zuerst an den Extrem-Bergsteiger Andy Holzer aus Südtirol. In dem Film „Unter Blinden“ berichtet er u. a. dass er trotz seiner Blindheit, die er von Geburt an hat, eine wunderbare Kindheit und Jugendzeit erleben durfte. Er ist der zweite blinde Mensch, der den Mont Everest bestiegen hat. Über seine Erfahrungen erzählt er heute in vielen Vorträgen und Seminaren. Und dann ist da noch der erste blinde Priester in der katholischen Kirche, Stefan Müller, der am Anfang viel Skepsis und Zurückhaltung erleben musste. Doch mit etwas Assistenz kann er seine Arbeit heute sehr gut ausüben.

In dem stark gekürzten Text des Evangeliums zum Vierten Fastensonntag (es lohnt sich die vollständige Perikope Johannes 9,1–41 zu lesen) hören wir auch von einem Mann, der von Geburt an blind war. Er verdient sich seinen Lebensunterhalt durch Betteln. Jesus heilt ihn. Dabei wendet Jesus eine Methode an, die im ersten Moment abschreckt. Er formt mit Speichel und Erde einen Teig, den er dem blinden Menschen auf die Augen strich. Dieser wäscht sich anschließend im Teich Schiloach und kann wieder sehen. Das Ereignis erinnert an die Erschaffung des Menschen im Buch Genesis. Wir können von einer „Neuschöpfung“ sprechen. Mit Jesus und seinem Handeln beginnt eine neue Ära.

Danach berichtet der Evangelist Johannes von der Reaktion der Nachbarn, die die Heilung nicht richtig begreifen können. „Ist das nicht der Mann, der da saß und bettelte?“ Es passt nicht in ihr „Schubladendenken“, dass dieser Mensch geheilt wurde. Deshalb verfügt man über ihn und schickt ihn zu den Pharisäern, den obersten Ordnungshütern. Auch sie sind sich nicht einig in der Beurteilung Jesu. So kommt es zu einer Spaltung unter ihnen. Es gab wohl Befürworter Jesu, die beeindruckt waren von der Person Jesu. Andere lehnen Jesus als Sünder ab, weil er den Blinden an einem Sabbat geheilt hatte. „Dieser Mensch kann nicht von Gott sein.“ Was die Pharisäer nicht bekennen können, äußert der blinde Mensch freimütig: „Er ist ein Prophet.“ In ihrer Ehre als Gesetzeslehrer verletzt, wird der Geheilte hinausgestoßen. Doch Jesus lässt ihn nicht allein, sondern geht wieder auf ihn zu. Und in einem weiteren Schritt auf seinem inneren Glaubensweg bekennt der Blinde Jesus als den  „Menschensohn“. Er gibt Gott die Ehre und geht vor ihm auf die Knie: „Ich glaube, Herr.“

Was kann uns die Erzählung sagen? Trotz Widerstände und Ablehnung ist es wichtig, seinen Weg, seinen Glaubensweg, zu gehen. Das beweisen auch die anfangs erwähnten Lebensgeschichten. Dieser Weg ist ein lebenslanger Prozess mit Höhen und Tiefen. Eine äußere Heilung kann auch eine innere Heilung nach sich ziehen. Die Pharisäer können sich nicht aus dem Gefängnis ihrer Gesetzesvorschriften lösen. Sie bleiben innerlich blind.
Sie sehen nicht die Not und den Menschen, der Hilfe braucht. Auch wir sind oft gefangen in unserem inneren Gefängnis. Ein Gefängnis, oft bestehend aus Angst und Gleichgültigkeit. Jesus zeigt uns den Weg: Den Menschen in seiner Not und Bedürftigkeit sehen, beherzt auf ihn zugehen, ihn nicht ausstoßen, sondern in die Mitte holen.

Und der geheilte blinde Menschen kann uns Vorbild sein an Mut, Durchsetzungsvermögen und einem offenen Bekenntnis zu Christus.

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