Geistliches Leben

Freitag, 12. Juli 2019

Der Dreiklang der Liebe

Gedanken zum Lukas-Evangelium 10, 25–37 von Pastoralreferentin Annette Schulze

„Da kommen die Samariter!“ In der Unfallklinik ist das zu hören, wenn der Hubschrauber einen schwerverletzten Menschen bringt. Der Samariter ist für uns nicht wie damals jemand aus Samarien, der grundsätzlich als Fremder verdächtig und weniger wert ist. Ein Samariter hilft anderen. Am Anfang dieses Textes steht die grundsätzliche Frage: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus gibt die Frage zurück. Was steht im Gesetz? Ausgerechnet da, wo wir keinen Hinweis auf ein gelingendes Leben suchen würden. Aber der Gesetzeslehrer ist in diesem Metier zuhause und nennt das Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe. „Na also“, sagt Jesus: „Du weißt es doch. Handle nach dem Gebot der Liebe, und du wirst leben!“

Auch auf die zweite Frage „Wer ist mein Nächster?“ gibt Jesus keine Antwort, sondern erzählt mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter, wie ein „Nächster“ sich verhalten könnte. Damit nimmt er eine ganz andere Perspektive ein, als die Frage vermuten lässt. Es geht ihm nicht darum, welchem „Nächsten“ wir „dienen“ sollen. Für Jesus ist entscheidend, wem wir ein*e Nächste*r sein können. Der Ansatzpunkt, das Nächster-Sein zu begreifen, liegt nicht beim anderen, sondern bei mir. Wenn ich mich einfühle in den, der da überfallen worden ist und seine Schmerzen, seinen Durst, seine Angst spüren kann, wenn ich mir bewusst mache, dass die Drei, die seinen Weg kreuzen, nicht, wie es beim Lesen und Hören scheint, direkt hintereinander her kommen, sondern in einem zeitlichen Abstand, der in der Wüste ohne Wasser und Hilfe durchaus den Tod bedeuten kann, dann werde ich nicht vorbeigehen, sondern bleiben und tun, was getan werden muss. Wer mitfühlen kann und sein Mitgefühl zulässt, auch wenn eigentlich keine Zeit und vielleicht auch keine Kraft dafür ist, erweist sich für andere als Nächster. Es braucht dazu nicht mehr als ein wenig Interesse an dem Menschen, der mir begegnet, und die Bereitschaft, mich in die oder den anderen hinein zu versetzen. Wie sich der Obdachlose wohl fühlt, der mit dem Pappbecher am Straßenrand sitzt und nicht zu mir hochschaut. Oder die junge Mutter mit dem schreienden Kind im Gottesdienst, die von allen beobachtet wird. Oder die alte Dame, die sich mit Einkauf und Rollator an der Bordsteinkante abmüht. Aufmerksam zu sein für die Menschen, die meinen Weg kreuzen, ist keine große Sache. Aber für den Menschen, den ich sehe und ansehe und dem ich helfe, wenn es mir möglich ist, ist das etwas ganz Besonderes.

Mich erinnert der verprügelte und verlassene Mensch am Straßenrand an die Frauen und Männer, die Missbrauchserfahrungen machen mussten. Ganz gleich, ob es sich dabei um sexuelle Übergriffe handelt oder um spirituellen Missbrauch – wenn Menschen es nach einer solchen traumatischen Erfahrung endlich schaffen, sich einem*r anderen anzuvertrauen, werden sie in ihrer Not viel zu oft nicht gesehen, nicht ernstgenommen. Jemand geht vorbei – geht zur Tagesordnung über, weil das bequemer ist als dazubleiben, zuzuhören, mit zu weinen, den Schrecken zu teilen und Täter*innen zur Verantwortung zu ziehen.

Von all dem steht im Gleichnis nichts, und doch führt Jesus den Gesetzeslehrer zu der Erkenntnis, dass gelingendes Leben mit Barmherzigkeit zu tun hat. Um anderen eine Nächste sein zu können, brauche ich die Liebe zu Gott und zum*r Nächsten wie zu mir selber. Wie die drei Töne eines Dreiklangs gehören diese drei zusammen, sonst verliert der Dreiklang seine Harmonie. Dann gehe ich unter, verliere mich aus dem Blick. Oder Gott tritt in meinem Leben in den Hintergrund – und ich verliere die Quelle, aus der ich Lebenskraft schöpfen kann. Oder ich kreise nur noch um mich selbst, und die Menschen um mich erreichen mich nicht mehr.

Leben könnte gelingen, wenn wir diesen Dreiklang ernstnehmen, zu dem Jesus sich bekennt: uns in der Beziehung mit Gott anschauen und lieben lassen, uns selber annehmen und auch für uns sorgen – und uns dem Menschen zuwenden, der uns über den Weg läuft oder am Wegesrand liegt, weil wir selber „geliebt“ sind und weil es unserem Wesen von Gott her entspricht, Liebende zu sein.  

(Pastoralreferentin Annette Schulze)

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Annette Schulze
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

Zurück zum Archiv

Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren