Geistliches Leben

Mittwoch, 22. November 2017

Der Geringste ist König

Unser Handeln hat Konsequenzen – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 25, 31–46 von Studiendirektor i.R. Dr. Helmut Husenbeth

Diese Gerichtsrede Jesu, wie sie uns Matthäus überliefert, stellt ganz grundsätzliche Fragen. Wer sind die „geringsten“ Brüder und Schwestern – und was haben wir alle mit ihnen zu tun? Wer sind die „Gesegneten“, die am Schluss der Rede mit dem alten jüdisch-biblischen  Ehrentitel „Gerechter“ bezeichnet werden?  Da ist der Blick auf das Bild des Hirten hilfreich, das den Hörern zur Zeit Jesu vertraut war: Am Abend „scheidet“ der Hirte die Herde. Auch der „Menschensohn“ scheidet und er entscheidet. An seinem Unterscheidungskriterium  zeigt sich, was wirklich wichtig ist „in der Zeit vor dem Ende“ – nämlich in unserem Leben, in unserem Alltag. Auf welcher Seite werden wir dann stehen?

Die „Gerichtsrede“ Jesu ist das Testament Jesu, gesprochen auf dem Ölberg (Mt 24, 3), im Blick auf Jerusalem und in Erwartung seiner entscheidenden Auseinandersetzung. Wer aber sind die „Geringsten“? Wo begegnen sie uns? An der „Gerichtsrede“ Jesu muss uns aufgehen, wie nah „ER“ uns ständig ist: in den Kleinen, den Gedemütigten, den Abgeschriebenen, den Entrechteten – gar den von uns Entrechteten? Dieses „Gericht der Liebe“ zeigt uns, was letztlich entscheidend ist für alle Menschen.

Wo sind sie, die Nackten, Kranken, Gefangenen, die Obdachlosen und die Fremden, die Hungrigen und die Durstigen? Schon in den „Seligpreisungen“ der Bergpredigt  weist Jesus auf die wahre Gerechtigkeit hin und stellt als entscheidend heraus: „Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden“ (Mt 5, 7). Dieses Unterscheidungskriterium gilt immer und überall, unabhängig von gesellschaftlichem Rang, Religion, Geschlecht oder Volkszugehörigkeit.

In Bert Brechts Lehrstück „Der kaukasische Kreidekreis“ wird das beherzte und bewegende Handeln der Magd Grusche gezeigt. Sie nimmt, obwohl ihrerseits bedroht und in schwierigster Situation, das Kind des getöteten Herrschers mit und gewährt ihm Schutz,  ja sie schenkt ihm Liebe. Im Lehrtheater Brechts hält der Kommentator daraufhin  ein kurzes, aber bewegendes Plädoyer für die „Verführung zur Güte“. Diese einfache Magd hat sich vorbehaltlos und mit allen Konsequenzen der Güte geöffnet, für das Schwächste, für das verlassene und bedrohte Kind. Diese Güte hat sie IHM gewährt, dem König der Weltgerichtsrede, der hier gleichzeitig der „Geringste“ ist. Noch einmal: Was ist wichtig? Werden wir den Herausforderungen gerecht?

Die Gerichtsrede zeigt, worauf es im  Leben ankommt. Sie stellt die Frage: „Was ist wichtig und entscheidend?“ Die Rede bei Matthäus greift auf jüdische Texte zurück, in denen JHWH die den Armen erwiesenen Taten so bewertet, als seien sie ihm erwiesen. Hier nun identifiziert sich Jesus als der königliche Richter mit all den Notleidenden und Bedürftigen. Unsere Werke der Barmherzigkeit, der Güte, der Mitmenschlichkeit sind genau die Zuwendung, die wir Jesus Christus selbst zeigen – oder eben auch vorenthalten. Es genügt eben nicht das Bekenntnis „Herr, Herr“…, entscheidend ist das Befolgen seiner Weisung. Dann wird der „Geringste“ zum König.

Werden wir dieser Forderung gerecht? Schaffen wir Hoffnung auf ein sinnvolles Leben in Fülle auch für die Zu-kurz-Gekommenen? SEINE Frage bleibt gegenwärtig: „Was habt ihr mir getan?“ Sie zeigt den Einbruch des Göttlichen in die Zeit und in unser Leben – sie zielt auf unsere nötige Öffnung für das Wesentliche. Das ist Grund   aller Hoffnung, aber auch die bleibende Herausforderung an uns.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Dr. Helmut Husenbeth
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