Geistliches Leben

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Zum Sonntagsevangelium: Der Glaube verhilft zum Sehen

Der blinde Bartimäus wird nicht nur gesund, sondern heil - Gedanken zum Markus-Evangelium 10, 46–52 von Pastoralreferentin Regina Mettlach

Der Blinde sieht besser als die Sehenden. Seine Einsichten reichen tiefer als die der Jünger und der Menschenmenge um Jesus. „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“, schreit er zu Jesus. Sein Glaube kommt vom Hören. Nun, wo er Jesus begegnet, will er von ihm geheilt werden.

Der Evangelist Markus sammelte Überlieferungen über Jesus: Wundererzählungen, Gleichnisse, Geschichten, die in einem Jesuswort gipfeln, Einzelworte und Zeugnisse über die Passion. Er ordnete diese Materialien zeitlich und sachlich und verarbeitete sie als Erster zu der Textform, die dann „Evangelium“, „Gute Nachricht“ genannt wurde. Sein Evangelium entstand um das Jahr 70.

Von vorneherein verkündet Markus Jesus Christus als den Gottessohn und Messias. Das stellt er fest im ersten Satz seines Evangeliums: „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, Gottes Sohn“. Für Markus sind die Heilungswunder Jesu messianische Zeichen. Die Heilung des blinden Bartimäus ist die letzte Wundergeschichte, mit der der Evangelist den vierten Hauptteil seines Evangeliums („Auf dem Weg nach Jerusalem“, 8,27–10,52) beschließt. Dieser Abschnitt hat begonnen mit dem Messiasbekenntnis des Petrus: „Du bist der Messias“, antwortet Simon Petrus auf die Frage Jesu: „Für wen haltet ihr mich?“ und er endet mit der gläubigen Anrufung Jesu als „Sohn Davids“ durch Bartimäus.

Markus baut sein Evangelium so auf, dass er in einem großen Spannungsbogen Jesus von Norden her, von Galiläa, nach Süden führt, zum Paschafest nach Jerusalem. Jesus und seine Jünger haben Jerusalem fast erreicht. Sie machen Station in Jericho. Als sie von dort wieder aufbrechen, schließen sich ihnen galiläische Festpilger an, die ebenfalls nach Jerusalem wollen. Vor dem Stadttor treffen sie auf Bartimäus. Da fromme Juden vor dem Paschafest zum Almosengeben verpflichtet waren, war dieser Platz zum Betteln strategisch günstig, denn hier kam jeder vorbei. Bartimäus wird als blinder Bettler vorgestellt. Namen sind in den Wundergeschichten der Evangelien selten. Zusammen mit Ortsangaben sind sie ein Indiz für historische Vorgaben. Bartimäus dürfte später Mitglied der Jerusalemer Urgemeinde gewesen sein. Deshalb kannte man den Namen des bei Jericho von Jesus geheilten Blinden. Von seiner Heilung und Berufung in die Nachfolge Jesu erzählt diese letzte Wundergeschichte vor der Passion Jesu.

In dieser Wundererzählung geht es um Heilung; es geht um die Art und Weise der Heilung und es geht um das Heil selbst. Bartimäus, ein Blinder, dem Jesus auf wunderbare Weise hilft. Er ist einer am Wegrand, von anderen übersehen. Doch er kennt Jesus vom Hörensagen und vertraut darauf, dass dieser ihm helfen kann. Wie die Erzählung zeigt, ist Heilung ein beiderseitiges Geschehen. Der Mensch öffnet sich auf Gott hin und das macht die Heilung möglich, die von Gott ausgeht: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Die Heilung bedeutet für Bartimäus nicht nur, dass er wieder sehen kann, sondern er gehört nun auch wieder zur Gemeinschaft und erhält neues Ansehen.

Diese Wundererzählung ist eine Geschichte, die Zeit lässt. Die Verben nennen viele Bewegungen: Sie kommen nach Jericho. Dann verlassen sie die Stadt wieder. Der Blinde sitzt am Weg und ruft. Jesus steht still und lässt den Blinden rufen. Der wirft alles von sich, springt auf und läuft auf Jesus zu. Bewegung. Innehalten. Ankommen. Die Geschichte lässt dem Blinden Zeit auf dem Weg zu Jesus und zur Heilung. Sie gibt ihm Zeit für viele einzelne Schritte. Diese sind so wichtig wie die Heilung selbst. „Was soll ich dir tun?“. Die Frage Jesu zeigt, es geht nicht um die Krankheit, sondern um den Menschen in seiner Krankheit. Die Initiative bleibt bei Bartimäus. Er bestimmt über sich und wird gehört. So ereignet sich Hilfe auf Augenhöhe. „Herr, ich möchte wieder sehen können.“

Die Antwort markiert einen wichtigen Schritt: das Eingeständnis, die Selbsterkenntnis der bisherigen Blindheit, die Bitte um ein neues Sehen. Jesus entlässt den Bartimäus: „Geh! Dein Glaube hat dir geholfen“. Es geht nicht nur um körperliches Heil. Blindheit kann vielschichtig sein: ein Nicht-Sehen-Können trotz gesunder Augen. Wir sprechen von blinder Wut, von blindem Hass, von blinder Leidenschaft. Wir sind blind, wenn wir die Augen vor der Not der anderen verschließen, wenn wir verstockt oder egoistisch sind.

Die Heilungswunder Jesu sind Hinweise auf das, was wir Reich Gottes nennen. Markus zeigt auf: Dort, wo Jesus ist, bricht das Reich Gottes an. Das Reich Gottes wird sichtbar, wo die Welt mit der Liebe Gottes angefüllt wird. Es bricht an, wo Menschen in der Begegnung mit Jesus heil werden, aber auch dort, wo Menschen sich einander in Liebe zuwenden.

Die Erzählung schließt mit dem Satz: „Bartimäus konnte wieder sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg.“ Zwischen Bartimäus und Jesus ist eine Beziehung entstanden. Nachfolge auf dem Weg Jesu ist ihre Konsequenz.

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