Geistliches Leben

Dienstag, 26. März 2019

Der Mensch, sonst nichts

Gedanken zum Johannes-Evangelium 8, 1–11 von Pfarrer i.R. Bernhard Lin­vers.

Jesus lehrt im Tempel. Da kommen Schriftgelehrte und Pharisäer mit einer Frau, die sie beim Ehebruch ertappt hatten, und wollen Jesus eine Falle stellen. Was war die Rechtslage? Ein verheirateter Mann beging nur dann Ehebruch, wenn er mit einer verheirateten Frau Geschlechtsverkehr hatte, denn dann griff er in das „Eigentum“ eines anderen Mannes ein. Die Ehefrau war Eigentum des Mannes. Die Frau (ob verheiratet oder nicht), die mit einem verheirateten Mann verkehrte, beging immer Ehebruch; darauf stand die Strafe der Steinigung. Das hielten die Pharisäer für Gottes Gesetz, und wenn Jesus ein Mann Gottes sein wollte, musste er sich wohl an das Gesetz Gottes halten und dem zustimmen, sonst hätten sie einen Grund, ihn anzuklagen. 

Aber Jesus gibt die Frage nach der Schuld an sie zurück. „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ Natürlich kennt er das Gesetz, er sieht es aber nicht als Willen Gottes an, sondern als selbstgefällige Macht von Männern, die sich vor Gott noch im Recht glauben. Sie sehen nur ihr Gesetz, an der Frau sind sie nicht interessiert. Sie wollen Jesus zu Fall bringen. Doch der schreibt in den Sand. Die Ankläger fühlen sich ertappt und schleichen sich davon – ohne Widerspruch.

Jesus verharmlost den Ehebruch nicht; er sagt der Frau: „Geh hin und sündige nicht mehr“. Er sagt dies aber erst, als die Männer weggegangen sind, offensichtlich mit dem Eingeständnis ihrer eigenen Schuld. Jesus verurteilt die Frau nicht. Er räumt ihr Chancen ein, dass sie ohne Schuld Frau sein kann. Aus der Schuld ist sie herausgenommen. Man könnte ergänzen: Dem Urteil der anderen um sie herum unterliegt sie nicht mehr. Was und wer sie ist, beurteilt einzig und allein Gott. Wie die Frau mit dieser ganz neuen Erfahrung umgeht, wird nicht erzählt – vielleicht, weil Männer darüber berichten?

Jesus will Frau und Mann auf die gleiche Stufe stellen. So hat es Gott gewollt; so heißt es schon im ersten Buch der Bibel: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie“ (Buch Genesis 1,27). Die Männer können auch sündigen – z.B  durch Verurteilung und Missbrauch der Frau. Es ist falsch, die Sünde und die Verführung dazu zuerst der Frau zuzuschreiben. So ist es leider auch in der Kirche geschehen.
Und heute? Schon im Vorfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils hatte Papst Johannes XXIII. die Frauenfrage als eines „der drei Zeichen der Zeit“ benannt.  In unserer Gesellschaft ist in diesem Problemfeld viel geschehen, aber es ist noch viel zu tun. Es gibt z.B. immer noch „Gleichstellungsbeauftragte“, weil sie wohl notwendig sind. Immer noch gilt in der Arbeitswelt die Forderung: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“.

Auch in unserer Kirche ist viel geschehen: Ich denke an die neuen Seelsorge-Berufe wie Pastoralreferentinnen und Gemeindereferentinnen, die hervorragende Arbeit leisten; ich denke an die Pfarrsekretärinnen, die oftmals die ersten Kontaktpersonen und dadurch ein „wichtiges Aushängeschild“ von konkreter Kirche sind. Da sind die vielen ehrenamtlichen Lektorinnen und Kommunionhelferinnen, die Mitgliederinnen in Gremien und Verbänden.
Natürlich stehen in „leitenden Stellen“, die nicht an die Weihe gebunden sind, noch viele Aufgaben für Frauen zur Verfügung. Endlich haben breitere Kreise entdeckt, wie wichtig Frauen auch in der Priesterausbildung sind. Wir sollten um der Wahrhaftigkeit willen aber auch die Diskussion vor einigen Jahren nicht verschweigen, ob Mädchen Messdienerinnen sein dürfen. Wie dürftig, ja, armselig waren da oft Argumente!

Der Evangelist will zeigen, wie Jesus den Menschen neue Lebenschancen eröffnet, wenn sie ihre Schuld bekennen und umkehren – sowohl den Männern als auch der Frau. Genau diesen Gedanken untermauern die Texte der beiden Lesungen. In der ersten Lesung sagt der Prophet Jesaja seinem Volk in der Gefangenschaft in Babylon: „Denkt nicht mehr an das, was früher war, auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr! Siehe nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?“ Und Paulus in der zweiten Lesung: „Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt.“

Das ist eine Einladung an uns: Abkehr von sündiger Vergangenheit; Überwindung der strukturellen Unordnung im Verhältnis von Mann zu Frau, Abkehr von Machtstrukturen, die durch religiöse Gesetze überhöht sind, und Zuwendung zu den Menschen nach dem Vorbild Jesu.

(bernhard-linvers@gmx.de)

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