Kirche und Welt

Mittwoch, 22. Januar 2020

„Der Synodale Weg soll nicht im Nirgendwo enden“

Kardinal Reinhard Marx spricht im Interview über die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland

Kardinal Marx (Foto:actionpress)

Wie sehr soll sich die Kirche ändern? Wie steht sie zum Papst? Und wie kann sie künftig wieder mehr Menschen begeistern? Vor dem Auftakt des offiziellen Reformprozesses nimmt Kardinal Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Stellung zu den wichtigsten Fragen.


Herr Kardinal, bald beginnt der Synodale Weg in Deutschland. Die Erwartungen sind riesig. Was darf man realistisch erwarten?


Man darf erwarten, dass sich Priester, Bischöfe und Laien gemeinsam Gedanken
machen, wie wir in dieser schweren Umbruchzeit und Krise in die Zukunft gehen. Wir wollen die Kirche nicht neu erfinden. Aber wir haben das Notwendige und Mögliche zu erkennen und dann zu tun. Wir können nicht ausweichen und die Situation schönreden

Was steht am Ende des Synodalen Weges?


Das weiß ich nicht, sonst wäre ich ja selber der Synodale Weg. Ich hoffe, dass
am Ende eine größere Einmütigkeit und Motivation steht, eine größere Klarheit,
wie wir weitergehen wollen.

Was erhoffen Sie sich in den einzelnen Themenforen?


Der Ausgangspunkt war die Diskussion um die Missbrauchskrise. Das wird immer schnell vergessen, weil man meint, die Krise sei vorüber. Nein, wir haben uns den Ursachen und Konsequenzen noch nicht ausreichend gestellt. Die Themen des Synodalen Weges sind aus der Studie über den Missbrauch erwachsen. Es ist auffällig, dass die Wissenschaftler dieselben Fragen aufwerfen, die schon seit längerem in der Kirche diskutiert werden.


Was erwarten Sie konkret im Themenfeld Macht und Gewaltenteilung?

Auch wenn wir in der Kirche in Deutschland eine längere Tradition der Mitverantwortung haben, ist mehr nötig. Macht muss geteilt und kontrolliert werden. Wir müssen sagen können, wir sind in den Entscheidungen transparent, wir haben klare Verantwortlichkeiten, es gibt eine Kontrolle der Macht, etwa durch Verwaltungsgerichtsbarkeit und Nachprüfbarkeit von Entscheidungen. Das ist alles im Ansatz im jetzigen Recht da. Aber da ist
noch nicht das erreicht, was man erreichen müsste. Darüber sollte man reden.


Was erhoffen Sie bei der Sexualmoral?


Dass ein Mann und eine Frau wünschen, eine lebenslange Beziehung zu haben,
sich für immer zum anderen zu bekennen und das auch in der sexuellen Liebe
auszudrücken, ist doch für die meisten Menschen ein richtiges Ideal. Es ist also
gar nicht so abwegig, was die Kirche zur Sexualität sagt. Aber wie gehen wir mit Scheitern und Suchbewegungen um? Wie gehen wir mit veränderten sozialen und kulturellen Voraussetzungen um? Sexualität ist etwas Gutes, ein großes Geschenk Gottes. Das sollten wir sagen. Lange Zeit haben wir den Zeigefinger gehoben und gemeint, Sexualität sei eigentlich etwas Gefährliches und Schlechtes.


Was erhoffen Sie bei der Frage der priesterlichen Existenz und Lebensform?


Wir können die katholische Kirche nicht verstehen ohne die Gestalt des Priesters und damit der heiligen Eucharistie. Manche meinen ja gleich, wenn man über das Thema spricht, soll diese zentrale Rolle relativiert werden. Nein. Der katholische Priester ist ein Erkennungsmerkmal, ist Teil des Profils der katholischen Kirche. Aber was bedeutet das? Ich hoffe auf ein Klima, in dem man offen überlegen kann, was wir gemeinsam tun können, damit die Gestalt des Priesters wieder neu leuchtet, die durch die Missbrauchstäter so beschädigt wurde.

Es geht dabei auch um die priesterliche Ehelosigkeit.


Ja, diese Lebensform ist eine besondere Herausforderung. Der Zölibat ist aber – denke ich – nicht so gedacht, dass Priester alleine in großen Pfarrhäusern leben und sich aus dem Kühlschrank versorgen. Man muss diese Lebensform einbetten in ein soziales Miteinander, eine Lebenskultur entwickeln. Es geht um eine ganzheitliche Berufung und nicht nur um einen Verzicht auf Sexualität. Diese Berufung geht nicht nur die Priester an, sondern das ganze Volk Gottes. Das kann dieser Themenbereich voranbringen. Es wäre sehr traurig, wenn es nur darum ginge, wann wir den Zölibat abschaffen. Ich will ihn jedenfalls nicht abschaffen! Aber schon bei der Amazonas-Synode haben wir diskutiert, ob man über Ausnahmen vom Zölibat neue Wege zum priesterlichen Dienst eröffnen kann.


Was erhoffen Sie sich beim vierten Forum, in dem es um die Rolle von Frauen geht?


Unabhängig von der Frage nach der Zulassung zu den Weiheämtern ist die Beteiligung von Frauen in verantwortlichen Positionen in der Kirche absolut notwendig. Das gilt bis in die Bischofskonferenz, in die Synoden hinein. Ich kann mir in Zukunft nicht vorstellen, dass bei einer Synode 200 Männer zusammensitzen und alleine über die Kirche beraten. Das ist nicht gut. Warum soll nicht am Ende des Synodalen Weges ein Vorschlag stehen, dass Synoden auf Weltebene oder auch auf nationaler Ebene die Laien und besonders die Frauen stärker berücksichtigen, nicht nur als Berater, sondern auch mit einer Stimme?


Gilt das auch für die Bischofskonferenz?


Wollen wir in Zukunft Bischofskonferenzen, wo nie Frauen oder überhaupt
Laien präsent sind? Wir wollen nicht im geschlossenen Kreis über die Zukunft der Kirche reden. Ich kann mir eine Kirche der Zukunft ohne eine wirkliche Mitverantwortung von Frauen und Männern in den Entscheidungen nicht vorstellen.

Anfangs war von einem „verbindlichen synodalen Weg“ die Rede. Diese Verbindlichkeit war ein Streitpunkt zwischen Rom und Deutschland. Über die Umsetzung der Beschlüsse entscheidet jetzt jeder Bischof selbst. Von einem verbindlichen Weg kann man nicht mehr sprechen.

Verbindlich bedeutet, dass wir abstimmen und Beschlüsse fassen. Natürlich muss jeder Bischof entscheiden, ob und wie er diese umsetzt. Die Satzung sieht vor, dass jedem Beschluss jeweils zwei Drittel der Bischöfe zustimmen müssen. Das war für
einige etwa im Zentralkomitee der deutschen Katholiken durchaus schmerzhaft.
Aber die besondere Verantwortung der Bischöfe wird selbstverständlich gesehen. Wir sind katholisch! Der Synodale Weg soll nicht im Nirgendwo enden, sondern am Ende möglichst klare Ergebnisse oder Voten haben. Und wenn zwei Drittel der Bischöfe Dingen zustimmen, die bei uns in Deutschland geregelt werden können, werden diese das dann wohl auch umsetzen.

Kritiker halten den Synodalen Weg für Selbstbeschäftigung. Was sagen Sie denen?


Wir fragen uns, was wir als Kirche heute tun können, um glaubwürdig die Botschaft Christi verkünden zu können. Unsere Glaubwürdigkeit ist erheblich durch uns selber beschädigt worden und nicht durch irgendwelche bösen Feinde von außen. Wir sind selber oft ein Hindernis. Das muss man doch angehen! Deswegen ist es eine Selbstbeschäftigung im Sinne einer Selbstkritik. Und die ist der Ausgangspunkt jeder Umkehr. Und das ist doch ein geistlicher Weg!

Ein Leser hat uns geschrieben: „Die Institution Kirche ist eine Parallelkultur, die in Gewohnheiten der Vergangenheit stagniert.“ Ist die Kirche eine Parallelkultur?

Es ist immer schwierig, Zitate ohne Zusammenhang zu beurteilen. Natürlich
sind wir eine Gemeinschaft, die aus einer großen Tradition kommt. Aber sie muss sich jeweils neu den Herausforderungen stellen. Es gibt die Kirche nicht losgelöst von der Kultur, die sie umgibt. Das sind reine Fantasievorstellungen – die Kirche, die wie eine Burg den Stürmen der Zeit wehrt. Es gibt keine Kirche losgelöst von der Gesellschaft. Das wäre Ideologie. Aber die Kirche muss auch Zeichen sein für eine andere Welt, die neue Schöpfung, die von Gott kommt.


Manche befürchten eine Spaltung der Kirche, eine Loslösung von Rom, von der
Weltkirche …


Zunächst: Rom ist nicht die Weltkirche. Die eine universale Kirche besteht in
und aus Teilkirchen. Das Fundament der Einheit ist der Papst. Daran darf nicht gerüttelt werden. Um die unterschiedlichen Stimmen zusammenzubringen, brauchen wir Gespräch, Gespräch, Gespräch, und zwar in der ganzen Kirche. Und am Ende die Entscheidung durch den Papst oder die eines Konzils. Wir wollen keine Kirche ohne den Papst. Ich bin verärgert, wenn man uns das als Kirche in Deutschland vorwirft.


Es heißt immer wieder, dass die Themen des Synodalen Weges nur in Deutschland diskutiert würden. Ist das so?


Die Weltkirche ist groß und besteht immer in und aus Teilkirchen. Manche reden von Weltkirche, meinen aber nur die Bischöfe. Der Leib Christi besteht aber
nicht nur aus Geweihten, sondern aus allen Getauften. Ich kann nicht beurteilen, in welchen Ländern welches Thema diskutiert wird. Aber nehmen wir das Frauenthema. Glaubt irgendjemand, dass das ein Thema ist, das nur auf Deutschland und Europa bezogen ist? Diese Bewegung der stärkeren Verantwortung der Frauen geht in allen Kulturen weiter. Das ist nur eine Frage der Zeit. In meinen Gesprächen überall in der Welt spüre ich das, und auch bei den Synoden in Rom wird das deutlich.


Bei der Frage nach der Priesterweihe für Frauen gibt es keine Kompromisslinie.
Entweder man hält sie für möglich oder nicht. Wie kriegt man solche Positionen
zusammen?


So kann man darüber nicht diskutieren. Wir tun ja gerade so, als wären die
Diskussionen schon geführt und als ob man gar nicht mehr auf den anderen und dessen Argumente hören muss. Wir haben eine sehr starke Stellungnahme von Johannes Paul II. Ich kann nicht erkennen, wie man ein so starkes lehramtliches Zeichen überwinden kann. Die Diskussion darüber halte ich aber für nicht beendet.

Aber was macht man mit einer solchen Diskussion?


Es geht doch nicht nur um Ja und Nein. Wer hat denn den Text von Johannes Paul II. überhaupt gelesen? Wer hat denn den Theologinnen und Theologen wirklich zugehört? Wenige. Zuhören! Das wäre wichtig. Der Synodale Weg kann aber diese Debatte nicht entscheiden. Er könnte eventuell ein Votum abgeben im Sinne von: Wir haben den Eindruck, hier muss weiter reflektiert werden. Das wäre schon ein großer Schritt.


Warum wäre das schon ein großer Schritt?


Die Diskussion ist nicht so einfach. Manche sagen, darüber darf man nicht einmal mehr nachdenken. Ich halte in unserer Kultur ein Sprech- und Diskussionsverbot für nicht durchführbar. Letztlich geht es in dieser und anderen Fragen darum, ob und wie lehramtliche Weiterentwicklung möglich ist.


Ein anderer Punkt ist die Frage des Diakonats der Frau.


Die Frage ist nicht geklärt. Es ist eine offene Frage, die auch auf der Amazonassynode stark angesprochen wurde. Dann sollten wir bitte auch darüber sprechen, das Thema vorantreiben und die Argumente austauschen. Diese Diskussion kann der Synodale Weg durchaus weiterführen. Er kann sie aber nicht entscheiden, das ist klar.


Sie betonen immer wieder, dass es ein offener Weg unter Führung des Heiligen Geistes sei. Das wirkt ein bisschen, als sei der Heilige Geist eine Art Joker: „Wir sind so unversöhnlich, aber der Heilige Geist wird uns schon irgendwie helfen.“ Aber wie?


Wenn ich nur erwarte, dass sich meine Meinung durchsetzt, weil alle anderen sowieso irren, muss ich mich fragen, ob ich als getaufter Christ auf der richtigen
Spur bin. Wir müssen miteinander reden, aufeinander hören und aufmerksam sein. Da müssen sich auch Meinungen ändern können. Wenn wir glauben, dass Christus mit seinem Geist in unserer Mitte ist, sollten wir überlegen, wie wir miteinander sprechen und wie wir mit ihm sprechen. Dann entsteht eine andere Atmosphäre.


Das löst aber keine Probleme ...


Natürlich nicht. Der Heilige Geist kommt nicht mit einem Lautsprecher und ruft
uns die Lösung ins Ohr. Aber wir glauben daran, dass wir einen gemeinsamen Weg finden können. Wo wir ihn nicht finden, können wir stehen lassen, dass eine Einmütigkeit noch nicht möglich ist. Die Kirchengeschichte ist voll von Ereignissen, bei denen es am Ende keine Lösung gab, sondern erst in 20, 30 oder 100 Jahren. Man kann nicht erwarten, dass wir in Deutschland in zwei Jahren alle Antworten auf theologische Fragen finden, die seit Generationen diskutiert werden.


In seinem Brief an die Gläubigen in Deutschland hat der Papst geschrieben,
dass über allen Überlegungen die Evangelisierung stehen müsse. Es stimmt ja: Wir erleben eine Glaubens- und Gotteskrise. Die Glaubensweitergabe wird immer schwieriger. Woran liegt das?


Hinter Ihrer These steht das Bild: Früher war es besser. Wir sind schlechter als die Vorfahren. Das ist so nicht richtig. In der Generation meiner Eltern wurde niemals die Frage gestellt, ob ich Christ bin oder nicht. Niemals. Auch heute empfinden sich selbst die, die aus der Kirche austreten, oft als Christen, brauchen aber die Kirche nicht. Wir stehen in einer neuen Zeit. Wir müssen neu sagen, was es heißt, an Jesus Christus, den Erlöser, zu glauben und dann unser Leben danach auszurichten.


Wie kann das gehen?


Das Evangelium ist nicht unser Besitz. Evangelisierung heißt nicht, ich weiß Bescheid und du musst einmal richtig zuhören. Ich bin der Wissende und du der
Unwissende. Jesus geht anders vor.


Er fragt: „Was willst du, dass ich dir tue?“

Ja, genau. Und er spricht vom Reich Gottes, das mitten unter uns schon angebrochen ist. Wir müssen miteinander neue Wege der Evangelisierung suchen. Aber wir brauchen keine kurzfristigen Propagandamethoden. Wir dürfen auch nicht nur auf Zahlen schauen – wer die meisten Leute bringt, hat auch am meisten Recht. Wir wollen ja eine nachhaltige Evangelisierung. Es geht auch nicht darum, nur Methoden zu überlegen, wie wir an die anderen herankommen. Nein, wir wollen, dass der andere Mensch glücklich wird, dass er das Heil findet. Wir wollen ihn nicht zu etwas überreden, das er im Innern gar nicht will. Eins ist klar: Das wird nicht mehr in der Art und Weise der Vergangenheit gehen.


Liturgie und Verkündigung sind heute oft weit weg vom Leben der Menschen. Was antworten Sie Menschen auf die Frage, was dieser Glaube an Gott mit ihrem Leben zu tun hat?


Ich wäre schon froh, wenn sich die Menschen überhaupt eine solche Frage stellen. Die Gottesdienste am Sonntag, aber auch zu Taufen und Firmungen, zu
Beerdigungen sind wichtig. Sie sind der erste Ort der Verkündigung auch für die, die den Kontakt zum Glauben nicht so haben. Es ärgert mich, wenn diese Orte vernachlässigt werden, wenn sie nicht sorgfältig vorbereitet sind, es musikalisch nicht stimmt, die Ministranten nicht geübt haben und die Lektoren den Text nicht lesen können. Wir sollten nicht nur über Evangelisierung reden, sondern da anfangen. Die Orte, an denen viele Menschen zusammenkommen, müssen – menschlich gesprochen – von der „Qualität her top“ sein. Da ist noch viel Luft nach oben.


Viele unserer Leserinnen und Leser sorgen sich um die Zukunft der Kirche. Wie ist Ihre Vision, wie sieht die Kirche in Deutschland in 20, 30 Jahren aus?


Auch in 30 Jahren wird es in unserem Land überzeugende Orte der Verkündigung des Evangeliums geben. Die Botschaft und Person Jesu ist einfach stark. Es wird also weiter lebendige Gemeinden geben. Aber eben nicht an jedem Ort. Nicht jede Pfarrei, die es jetzt gibt, wird so bleiben können. Früher haben wir gesagt: „Wenn du nicht zur Kirche gehst, kommst du in die Hölle.“ Das hat nur die Hälfte geglaubt, aber die ist gekommen. Das geht heute nicht mehr. Es ist eine Illusion zu glauben, es würde wieder wie früher. Schauen wir also nicht immer zurück, sondern nach vorn: Christus kommt von vorn auf uns zu.

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