Geistliches Leben

Mittwoch, 25. September 2019

Der verengte Blick

Um sich schauen – Weite(r) denken. Gedanken zum Lukas-Evangelium 16, 19–31

Aufmerksamkeit wäre jedem Jugendlichen sicher, wenn er nach einem Festgottesdienst vor dem Kircheneingang laut schrie: „Hört mir auf mit dem Geplärr eurer Lieder. Ihr grölt zum Klang der Orgel.“ Mit ähnlichen und noch schärferen Formulierungen attackierte der Prophet Amos die Besucher des Gottesdienstes im Tempel von Jerusalem (erste Lesung). Er hatte Grund dazu. Denn die reiche Oberschicht in Jerusalem lebte auf Kosten der Armen im Luxus. Der Horizont der reichen Schlemmer war verengt. Sie kannten nur sich und hatten kein Gespür für die Not der schwächer Gestellten. Sie übersahen, dass das Land und ihr Besitz letztlich Eigentum Gottes waren. Daraus aber hätten sich Verantwortung gegenüber den Armen ergeben müssen. Ihr Blick beschränkte sich auf das rein Diesseitige. Nur irdische Güter zählten und waren für sie wertvoll. Der Mitmensch, das Ebenbild Gottes, zählte nichts. Wie würde heute wohl der Prophet auftreten?  
In der Beispielerzählung vom reichen Mann und vom armen Lazarus greift Jesus Gedanken des Propheten Amos auf. Der Horizont des reichen Mannes ist verengt auf das irdische Wohlergehen. Über seinen Luxus hinaus scheint er nichts zu brauchen. Er hat alles – aber keinen Namen. Wenn „einen Namen haben“ bedeutet, dass man angesprochen werden kann von einem Gegenüber, und dass man in Beziehung steht und angesehen wird, dann ist der  Reiche trotz seines Reichtums arm dran. Der Arme hingegen hat einen Namen: Lazarus, d.h. „Gott hilft“. Er ist jemand und kann angesprochen werden, auch wenn er für den reichen Mann nicht existiert. Dessen eingeschränkter Horizont nimmt den Lazarus nicht wahr. Für ihn ist der Platz des Aussätzigen draußen vor der Tür. Würde die Erzählung hier enden, bliebe nur die Empörung über das schreiende Unrecht. Die Rede Jesu weist aber in eine Zukunft über den Tod hinaus. Unsere Sehnsucht nach einer ausgleichenden Gerechtigkeit erfüllt sich nun in einer konsequenten Weise. Die Rollen werden vertauscht. Die Gerechtigkeit Gottes hebt die irdische Ungerechtigkeit auf. „Recht so!“, werden viele wohl denken.
Doch Einwände melden sich an. Werden hier nicht die Armen auf das Jenseits vertröstet? Was ist mit der Barmherzigkeit eines liebenden Gottes, der auch den unbarmherzigen Reichen nicht endgültig verstößt? Es ist gewiss nicht die Absicht des Evangelisten Lukas Reichtum und Wohlstand zu verteufeln. Der Reiche verfehlt nicht deshalb sein Ziel, weil er reich ist. Es ist die Enge seines Herzens, die ihn selbst im anderen Leben noch isoliert. Auch die Armut öffnet nicht automatisch die Tür zur Gemeinschaft mit Gott. Denn Armut kann verbittern und isolieren.
Lukas will darauf hinweisen, wie wichtig es ist, hier in diesem Leben zu handeln und sich seiner sozialen Verantwortung zu stellen. Er mahnt zum Aufbruch in eine gerechte Welt, in der nicht die einen auf Kosten der anderen leben. Die Erzählung fordert uns auf, unseren Blick weiten zu lassen und im armen Lazarus den Mitmenschen in seiner jeweiligen Notlage zu entdecken und jetzt zu handeln. Wo wir Armut beseitigen und Not lindern, wird bereits im Diesseits punktuell das Reich Gottes verwirklicht.  
Vielfach beklagen Politiker und Armutsforscher, dass die Schere zwischen Arm und Reich weltweit immer größer wird. Doch wir greifen zu kurz, wenn wir die Botschaft des heutigen Evangeliums auf die Überwindung dieser Kluft durch ein verantwortungsbewusstes Verhalten beschränken. Wir übersehen wird dabei das Befreiende der Botschaft Jesu, die uns lösen will vom Kreisen um das eigene Ich und im Verharren im Diesseits. Sie lädt uns ein, das Denken in engen Bahnen und überkommenen Strukturen aufzusprengen und auch auf diese Weise unseren Horizont zu weiten für die Dimension Gottes. Sie will unsere Augen offen halten für ein Leben, das sich uns endgültig erst nach dem irdischen Leben erschließt – ein Ausblick in die Weite einer Welt jenseits des Todes, für arm und reich.

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