Geistliches Leben

Mittwoch, 23. September 2020

Der Weinberg ist nur gepachtet

Und seine Früchte müssen wir „bringen“

Wie eine Kriminalgeschichte liest sich dieses Gleichnis Jesu (Matthäus-Evangelium 21,33–44), eine bitterböse Geschichte von Raub (nichts anderes ist ja diese widerrechtliche Annexion des Weinbergs durch die Pächter), von Mord und Totschlag. Eindrucksvoll haben Mönche der Benediktinerabtei Echternach das Gleichnis im Codex Aureus Epternacensis, der zwischen 1030 und 1050 entstand, dargestellt – in Art eines Comics: In der oberen Reihe übergibt der Gutsherr den neu angelegten, umzäunten Wingert mit prächtigem Turm und hölzerner Kelter den Pächtern. In der mittleren Reihe schickt der Gutsherr seine Knechte, um „seine Früchte“ abzuholen, die ihm zustehen, die Pächter aber verprügeln den einen Knecht und den anderen erstechen sie. Und in der unteren Reihe sendet der Gutsherr seinen Sohn, doch die Pächter fesseln und töten ihn, und seine Leiche werfen sie aus dem Wingert.
So hoch dramatisch dieses Gleichnis ist, das Jesus hier erzählt, so dramatisch ist auch seine eigene Situation zu dieser Zeit: Kurz zuvor ist er ja nicht nur spektakulär, mit einem nicht mehr zu übersehenden und überhörenden Anspruch in Jerusalem eingezogen, sondern er hat gleich auch den Tempel „gereinigt“: Er hat ihn (wieder) für Gott allein reklamiert. In beidem steckt der Anspruch, der Herr über die Stadt und den Tempel zu sein, und den kann nur Gott erheben. Mehr Provokation geht nicht. Die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die Pharisäer wissen, worum es geht.
Als Jesus dann noch dieses Gleichnis erzählt, war für die „Herren“ des Tempels und der rechten Verehrung Gottes – die Hohenpriester – sowie für die „Herren“ der rechten Lehre von Gott – die Pharisäer – vollends klar, dass sie Jesus aus dem Weg schaffen mussten: Sie hatten nämlich sehr gut verstanden, dass Jesus hier „von ihnen sprach“: Sie meinte Jesus mit diesen Pächtern – sie, die die  Gesandten und zuletzt gar den Sohn Gottes töten, um den Weinberg, den sie nur gepachtet haben und der nicht ihnen, sondern Gott gehört, für sich zu behalten. Auch die entsprechenden Texte bei den Propheten in der Heiligen Schrift werden ihnen aufgegangen sein. Damit hatte Jesus sie, die ja für sich beanspruchten, Gott zu „repräsentieren“, vor aller Augen und Ohren als die angeprangert, die gerade gegen Gott stehen und handeln. Und daher spricht Jesus ihnen genau dies – Gott zu „repräsentieren“ – ab, und zwar kraft seines göttlichen „Ich“, was die Hohenpriester und Pharisäer noch mehr aufbringen muss: „Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die Früchte des Reiches Gottes bringt.“ So ist mit diesem Gleichnis endgültig die „letzte Stunde“ Jesu angebrochen: Er ist der Sohn, der getötet wird.
Das Schlüsselwort dieses Gleichnisses ist „seine Früchte“ und – dahin gedeutet – „die Früchte des Reiches Gottes“. Die Früchte gehören dem Gutsherrn, dem sie die Pächter verweigern und dafür die Gesandten des und den Sohn tötet. So wird der Gutsherr „diese bösen Menschen vernichten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern“. So wird das Reich Gottes „euch (den Hohenpriestern, den Pharisäern, dem von ihnen geführten Volk) weggenommen und einem Volk gegeben, das die Früchte des Reiches Gottes bringt“. Der Evangelist Matthäus sieht seine Gemeinde als Teil des neuen Volkes, dem Gott das Reich Gottes gegeben hat. Dieser starke, unversöhnliche Antijudaismus ist aus der damaligen Zeit heraus zu verstehen: Die Christen, wie sie erst später genannt werden, mussten ihr eigenes „Profil“, den Glauben an Jesus, den Christus, stärken und sich so klar abgrenzen, um nicht als jüdische Sekte irgendwann unterzugehen.
Doch davon abgesehen, stellt sich die Frage nach dem christlichen „Profil“ heute genauso aktuell und dringlich. Und die Antwort, nach dem Gleichnis, heißt damals wie heute: Das Reich Gottes, in den allein Gottes Wille herrscht, ist uns anvertraut. Keiner darf sich zum Herrn des Reiches (und des Willens) Gottes machen, jeder ist „Pächter“, steht im Dienst am und im Reich Gottes, am Willen Gottes. Mit dem Reich Gottes ist uns auch alles gegeben, um die Früchte bringen zu können, die Früchte aber müssen wir schon selbst bringen. Die „Früchte des Reiches Gottes“ sind: Barmherzigkeit, Sanftmut, Duldsamkeit, Glaube, Freude, Versöhnung, Langmut, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue … Vor, über und in allem jedoch die Liebe.

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