Kirche und Welt

Mittwoch, 16. Oktober 2019

Deutliche Vorbehalte

Experten in Berlin sehen Widerspruchslösung bei Organspenden kritisch

Der Deutsche Bundestag will noch im Herbst über eine Reform der Organspende entscheiden. Bild: sasint/pixabay

Experten haben deutliche Vorbehalte gegenüber der Einführung einer Widerspruchslösung bei der Organspende geäußert. Sie stelle einen „gravierenden Eingriff in ethisch relevante und verfassungsrechtlich geschützte Güter dar“, heißt es in einem gemeinsamen Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Montag) des Ethikers Peter Dabrock, der dem Deutschen Ethikrat vorsteht, und des Gießener Rechtswissenschaftler Steffen Augsberg, der dem Gremium ebenfalls angehört.
Der Bundestag will wahrscheinlich noch im Herbst über eine Reform der Organspende entscheiden. Eine Abgeordnetengruppe um den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach und den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die „Doppelte Widerspruchslösung“ einführen, wonach jeder Bürger Organspender ist, sofern er dem nicht zu Lebzeiten widersprochen hat. Eine weitere Gruppe will hingegen an der bestehenden Zustimmungslösung festhalten diese aber im Sinne einer Entscheidungslösung verbindlicher gestalten.
Dabrock und Augsberg wiesen die Bezeichnung „Doppelte Widerspruchslösung“ als irreführend zurück, da der Gesetzentwurf den Angehörigen im Gegensatz zur bestehenden Rechtslage keine eigenständige Entscheidungsmöglichkeit zugestehe. Grundsätzlich sehen sie einen „tiefgreifenden und problematischen Paradigmenwechsel“, der „die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und die psycho-physische Integrität“ beeinträchtige und den Spendencharakter untergrabe. „Man kann und darf, wenn man die Einwilligung nicht nur als Formalie ansieht, sondern eine informierte Entscheidung als Ausdruck der Patientenautonomie versteht, nicht einfach von der gesetzlichen Fiktion ausgehen, dass Schweigen Zustimmung bedeutet.“
Der Systemwechsel würde zugleich das Verhältnis von Staat und Bürger weitreichend verändern, betonten die beiden Wissenschaftler. Die Verfügungsmacht über den eigenen Körper, die auch über den Tod hinausreiche, werde künftig begründungsbedürftig. Die Experten bemängeln ferner, dass laut Gesetzentwurf ein möglicher Widerspruch erst nach dem Hirntod überprüft werden solle, obgleich schon vorher Maßnahmen ergriffen werden könnten, um die Organe zu schützen. Dies richteten sich aber nicht mehr am Willen des sterbenden Patienten aus, sondern am Interesse der Transplantationsfähigkeit der Organe. Schließlich stellen die Autoren infrage, dass die Widerspruchslösung tatsächlich zu einer Erhöhung der Spenderorgane führen wird.

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