Geistliches Leben

Mittwoch, 21. März 2018

Die Antwort auf das Kreuz heißt Vergebung

Hier ist Jesus ganz und gar das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt – Gedanken zum Markus-Evangelium 15, 1–39 von Dipl. Theologe Klaus Haarlammert

Sicher ist es nicht, aber vielleicht sprach Pontius Pilatus im Hof der Burg Antonia das Todesurteil über Jesus. „Die Hohenpriester, die Ältesten und die Schriftgelehrten“ haben Jesus zu Pilatus gebracht, und „die Volksmenge“ folgte. Weil Pilatus niederträchtigen Neid als Grund für die Anklagen gegen Jesus ausmachte, aber dies in seinem egoistisch-machtpolitischen Kalkül nicht artikulieren wollte, fragte er „die Volksmenge“, was sie für Jesus wollten.

Und die brüllte laut und schrill: „Kreuzige ihn!“. Die Volksmenge war aufgewiegelt, aufgehetzt. Besonnenheit, Vernunft – wenn es sie überhaupt gab – war übler Hetze und den falschen Parolen zum Opfer gefallen, wie wir es ja auch heutzutage erleben. Und Pilatus gibt dem Geschrei der Masse nach. In der Erzählung vom Leiden und Sterben Jesu im Evangelium nach Markus, das wohl den ältesten Text wiedergibt, ist von „Volksmenge“ die Rede, bei Matthäus von „Menge“ und bei Lukas vom „Volk“. Diese allgemeine „Volksmenge“ wird im Evangelium nach Johannes bestimmt mit „die Juden“, was einmal verheerende Folgen haben sollte.

Wie dem auch sei, dieses „Kreuzige ihn!“ ist so schrecklich eindeutig, und unerträglich wird das gellende Geschrei in den Mauern der Burg Antonia widergehallt haben. Die so aufgehetzt schrien, ließen keinerlei Argumente gelten, und alles, was Jesus gesagt und gewirkt hatte, vergaßen die von lautstarken Anpeitschern Verführten. Vor allem zählte auch nicht, dass keiner von ihnen durch Jesus nur den kleinsten Nachteil erfahren oder irgendeinen Verlust erleiden musste, im Gegenteil. Diese Verhaltensmuster sind immer gleich. Für Jesus ist das „Kreuzige ihn!“ das Signal zur unaufhaltsamen, absoluten Erniedrigung, dass er, wie ein Gewaltverbrecher zum Tod verurteilt, ans Kreuz angenagelt verbluten und ersticken wird, ein grausames, qualvolles Sterben.

Jedoch gereicht dieses Leiden und Sterben, nach Jesu eigener Deutung, der Welt und den Menschen zur Erlösung und zum Heil, auch – man mag es kaum denken und aussprechen wollen – für die, die im Schutz der anonymen, gesichtslosen Masse „Kreuzige ihn!“ gebrüllt haben. Das größte und gewaltigste unter den „letzten Worte“ des sterbenden Jesu vom Kreuz herunter ist das Gebet für die, die ihn verurteilten, auslieferten, verspotteten, quälten und ans Kreuz schlugen – für eben auch die, die gerade wenige Stunden zuvor „Kreuzige ihn!“ geschrien hatten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas-Evangelium 23,34). Letztlich ist das, so absurd es für menschliche Ohren klingt, Gottes Antwort auf das „Kreuzige ihn!“ Darin liegt die abrundtiefe Barmherzigkeit Gottes, seine unermessliche Liebe, die in Jesus Gestalt annahm, als er Mensch wurde – noch konkreter: als er „Fleisch“ wurde (Johannes-Evangelium 1,14).

Hier, am Kreuz und gerade in seiner Für-Bitte „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, ist Jesus „das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (Johannes-Evangelium 1,29). Hier „geschieht“ dieses dichte, wahre Wort „Gott ist Liebe“ (erster Johannesbrief 4,16), hier kommt das „Für Uns“ Gottes zu seiner Vollgestalt. Im Sterben Jesu, in seinem Tod am Kreuz, wird die Liebe Gottes in ihrer ganzen Höhe und Tiefe, in ihrer ganzen „Heilsweite“ offenbar.  

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