Geistliches Leben

Donnerstag, 25. Februar 2016

Die Chance der beiden Söhne

Vom grenzenlosen Erbarmen des göttlichen Vaters – Gedanken zum Lukas-Evangelium 15, 1–3. 11–32 von Studiendirektor i.R. Theo Wingerter

Zwei unterschiedliche Charaktere stehen sich im Gleichnis vom barmherzigen Vater gegenüber: der mit seinem Zuhause unzufriedene und freiheitsliebende jüngere Sohn und sein pflichtbewusster und zuverlässiger älterer Bruder. Welchem der beiden gelten unsere Sympathien?

Manche Jugendliche sympathisieren wohl mehr mit dem jüngeren Sohn, der ausbricht aus einem Elternhaus,  und aufbricht in eine ungewisse Zukunft. In seinem Freiheitsdrang überschätzt er sich und unterschätzt die Gefahren. In der „Hungersnot“ fällt er endgültig. Seine Träume sind zerplatzt, seine Reserven sind aufgebraucht. Die Freunde, die auf seine Kosten lebten, lassen ihn hängen. Er endet ganz unten am Rand der Gesellschaft, als Schweinehirt. Er hat sich nicht nur von seiner Familie entfernt. Durch das Hüten der für die Juden unreinen Schweine hat er sich nach der damaligen Vorstellung auch aus der Gemeinschaft mit Gott ausgeschlossen.

Es ist ein Glück für ihn, dass er in seiner Kindheit einen liebevollen Vater erleben durfte. Nun, da er ganz unten ist, erinnert er sich an ihn. Darum bricht er erneut auf, diesmal aber zurück nach Hause. Er ist ein anderer geworden. Jetzt kann er sich und seinem Vater eingestehen, was er falsch gemacht hat. In die Freiheit hatte ihn der Vater entlassen, aber nicht aus seiner Liebe.

Manche Erwachsene neigen wohl mehr dem älteren Sohn zu, der in großer Treue Tag für Tag ohne zu fragen seine Aufgaben erfüllt hatte. Dies verdient Anerkennung. Doch er ist der neuen Situation nicht gewachsen: Durch das Erbarmen seines Vaters gegenüber dem Bruder sieht er sein eigenes bisheriges Verhalten nicht gewürdigt. Er ist empört. Für ihn existiert sein jüngerer Bruder nicht mehr. Er verweigert ihm den Gruß und die Gemeinschaft. Aber auch dem älteren Sohn gelten die Liebe und das Erbarmen seines Vaters. Er geht ihm entgegen und lädt ihn ein, sich mit seinem Bruder zu versöhnen und mit sich in seinem Zorn und seiner Enttäuschung barmherzig umzugehen. Beiden Söhnen gibt der Vater die Chance zu einem neuen Anfang. Tragen wir nicht in uns selbst etwas von allen beiden Söhnen?

Von dieser Erfahrung mit dem barmherzigen Vater darf – auch kirchlich gesehen – niemand ausgeschlossen werden. Alle, die sich nach der Nähe zum göttlichen Vater sehnen und auf dem Weg zu ihm sind, gehören dazu. Sie sind wie der heimgekehrte und der zuhause gebliebene Bruder zum Freudenfest geladen.

Auch in der Kirche finden sich die Positionen der beiden Brüder. Es ist nicht immer leicht zu erkennen, wer endgültig näher beim Vater ist. Sind es die, die wir nach kirchlichen Gesetzen verloren meinen, die sich aber ehrlich mühen um die Gemeinschaft mit dem barmherzigen Vater? Oder sind es die, die sich stets mit aller Kraft für ihre Aufgaben engagieren und Großes leisten zur Ehre Gottes und für ihre Mitmenschen, auch wenn sie den erbarmenden Blick für ihren heimgekehrten Bruder nicht haben, noch nicht haben?

Wie gut, dass Papst Franziskus dem barmherzigen Vater ähnelt, dessen Erbarmen beide Söhne umfasst und so die Barmherzigkeit Gottes spiegelt, die im Mittelpunkt des Gleichnisses steht. So kann die Kirche Gottes erbarmende Liebe bezeugen und leben. So kann Kirche sein – so muss sie handeln.

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