Geistliches Leben

Mittwoch, 21. November 2018

Die Erlösung ist nahe

Advent ist die Zeit erhöhter Wachsamkeit und freudiger Erwartung - Gedanken zum Lukas-Evangelium 21, 25–28. 34–36 von Pfarrer i.R. Bernhard Lin­vers

Advent, das ist freudige Erwartung. Und dann dieses Evangelium – ein Horror-Szenario vom Weltuntergang. Aber wie passt das zur Frohbotschaft, die Jesus uns verkündet?

Doch eigentlich erzählt uns das Evangelium keine Schreckensgeschichten vom Ende der Tage, sondern Schrecken, die wir jeden Tag in den Nachrichten erfahren. Kriege, Hungersnöte, Sturmfluten, Dürren, Millionen Flüchtlinge, Waldsterben, fehlendes Trinkwasser, Sklavenwirtschaft – sind die Themen. Selbstmordattentäter aus „religiösen Motiven“, die Eskalation von Gewalt und Terror, Drogenkonsum, um aus diesen „Sorgen des Alltags“ zu fliehen.     

In all die Schrecken unserer heutigen Welt spricht das Evangelium den Satz: „Wenn dies beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter.“  Das Evangelium verschließt nicht die Augen vor der Realität, es vertröstet auch nicht und gibt keine „frommen“ Hinweise; es sagt auch nicht: „Die Probleme sind zu groß, die Mächtigen zu stark“, nein, genauso wenig werden die Probleme kleingeredet. Richtet euch auf, stellt euch den Ängsten und Ratlosigkeiten, zeigt „Rückgrat“! Da hilft auch kein „Rausch und keine Trunkenheit“ – auch keine vorweihnachtliche Reklame mit „süßer“ Musik. Auch andere Rauschmittel wie Geld oder Karriere helfen nicht weiter.

Unsere Kräfte sind gefragt, unser Tätigwerden, unser Mitdenken. Katastrophen gehen nie an den Menschen ganz vorbei, Menschen sind immer beteiligt als Täter oder Opfer. Wenn wir uns in allen Schwierigkeiten nicht niederdrücken lassen, sondern uns aufrichten, dann entdecken wir Zeichen der Hoffnung und der Erlösung. Alles Bedrohende und Angstmachende wird in unserem Leben nicht das letzte Wort haben. Eine wesentliche Grundlage unseres christlichen Glaubens ist doch, dass wir durch Jesus Christus Erlöste sind, wir brauchen uns nicht selbst zu erlösen. In dieser Glaubenswahrheit steckt eine unendliche Kraft. Und wenn uns diese Kraft nicht ganz verloren geht, dann können wir auch unterscheiden, welche Probleme und Nöte wirklich schwerwiegend sind und welche wir „niedriger“ einstufen können. Dann können wir feststellen, dass es manche Sorgen gar nicht wert sind, dass sie uns große Probleme machen.

Christliche Hoffnung ist nicht bloßer Optimismus, der uns oft blind macht  für die wirklichen Nöte und Ängste unserer Mitmenschen. Aber auch ein Pessimismus ist falsch, weil er uns die Spuren der Erlösung in unserer Welt nicht sehen lässt. Christliche Hoffnung hat die Kraft, unsere Welt nüchtern zu sehen und vor den Schwierigkeiten nicht in die Knie zu gehen, und sie hat die Kraft, die kleinen Schritte auf das Reich Gottes hin zu tun. 

Das Evangelium sagt uns, dass Gott den aufrechten Menschen will, der in Freiheit und Verantwortung sein Leben gestaltet. Er will nicht den gedrückten und von Ängsten gejagten Menschen, der verschüchtert sein Leben lebt. Damit kann ich die Ängste nicht einfach überwinden, aber ich kann ihnen widerstehen und in ihnen bestehen. Wir alle in der Kirche müssen Sorge tragen, dass unser Miteinander angstfrei ist. Angst darf es in keinem Bereich geben. Wir müssen uns gegenseitig aufrichten und Mut zum Leben machen.     

In der Lesung aus dem Buch Jeremia wird deutlich: Der Prophet kennt die Schuld des Volkes; er sieht das Unheil. Aber mitten darin vertraut er auf den Gott, der Recht und Gerechtigkeit schafft. Für ihn wird das zum neuen Namen Gottes: „Der HERR ist unsere Gerechtigkeit“. Er wird sorgen, dass die Menschen ihren gerechten Anteil am Leben finden. Wir dürfen dabei helfen – persönlich und politisch – hier bei uns und weltweit. Aber wir brauchen es nicht selbst zu vollenden: ER ist nahe. „Richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe“ inmitten aller Ratlosigkeit, Gewalt und Angst.  

Der Evangelist mahnt uns: „Wacht und betet allezeit, damit ihr vor den Menschensohn hintreten könnt!“ Wie können wir einen wachsamen Menschen beschreiben? Er vertraut nicht allein nur einem Sinn, er lauscht, er schnuppert, er tastet, er späht. Er nimmt seine sieben Sinne zusammen. Er weiß, dass er sich täuschen kann und dass es nicht nur „lichte Stunden“ im Leben gibt, sondern auch „dunkle Zeiten“. Sind unsere Sinne geschärft und sind wir aufmerksam gegenüber den Täuschungsmanövern unserer Zeit?

Wachsam sein ist auch eine Frage der Beziehung zu anderen Menschen. Gibt es vielleicht etwas zu klären? Müsste ich meinen Lebensstil in der einen oder anderen Beziehung etwa ändern? Müsste vielleicht mein religiöses Leben mehr sein als bisher? Warten wir nicht bis „nach den Feiertagen“ und versuchen wir in diesem Advent im Sinne des Evangeliums wachsamer zu werden! 

 

 

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