Kultur

Mittwoch, 20. Juni 2018

Die Nationalhymne und der Fußball

Auftaktgesang erlebt Renaissance – Nicht jeder Spieler hat einen engen Bezug dazu

Die Debatte um die Nationalhymne flammt immer mal wieder auf und ist vielstimmiger geworden. Foto: Pixabay

Bei Fußballländerspielen ist das Absingen der Nationalhymnen nur ein kleiner Teil der sportlichen Inszenierung. Und doch steckt in dem Thema jede Menge Musik – auch in übertragenem Sinne.

Wenn die deutschen Spieler bei der WM in Russland auf dem Rasen stehen, ruhen viele Augen schon vor dem Anpfiff auf zwei Sportlern: Mesut Özil (29) und Ilkay Gündogan (27). Nach ihrem schlagzeilenträchtigen Zusammentreffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan fragt sich mancher: Was tun die beiden, wenn die deutsche Nationalhymne erklingt?

Özil pflege in diesen Momenten zu beten, ließ er im vergangenen Jahr in der „Welt am Sonntag“ verlauten. „Ich bitte Gott um das Beste für das Team und mich, ich bitte ihn darum, dass wir alle gesund bleiben.“ Die Frage, wer vor Spielbeginn singt und wer nicht, ist davon abgesehen mindestens so alt wie Özil und Gündogan zusammen.

Im ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte nicht selten kollektives Schweigen auf dem Platz, so Historiker Clemens Escher. Erst 1952 einigten sich Bundeskanzler Konrad Adenauer und Bundespräsident Theodor Heuss auf eine Hymne: die dritte Strophe des Deutschlandliedes. Die DDR und auch das damals noch unabhängige Saarland waren da schon weiter. Als in der Qualifikation für die WM 1954 die westdeutsche Elf auf die saarländische Auswahl traf, verzichtete man gleichwohl auf das Abspielen der Lieder, um diplomatische Verwicklungen zu vermeiden.

Beim unverhofften WM-Titelgewinn wenige Monate später im Berner Wankdorf-Stadion übernahmen die Fans die Regie – und sorgten mit dem Absingen der durch die Nationalsozialisten endgültig diskreditierten ersten Strophe „Deutschland, Deutschland über alles“ für einen Eklat. Der Schweizer Rundfunk brach die Übertragung ab. Und der frisch wiedergewählte Heuss sah sich genötigt, bei em Empfang eine Woche später im Berliner Olympiastadion ausdrücklich auf die dritte Strophe als Text der Hymne hinzuweisen: „Einigkeit und Recht und Freiheit“.

Das Verhältnis der Spieler zum Auftaktgesang blieb in den Folgejahren gespalten, fasst Escher zusammen. Dokumentiert wurde das durch die stetig verbesserte Übertragungstechnik. Torwartlegende Sepp Maier wusste das für eigene Zwecke zu nutzen. Für ihn sei die Hymne samt Kamerafahrt in Nahaufnahme „die beste Gelegenheit, meine Frau zuhause zu grüßen“. Sein Mannschaftskamerad Berti Vogts dagegen fühlte sich durch die „Feierlichkeit dieses Augenblicks“ oft überwältigt. „Nicht selten habe ich geweint.“
Der frühe Paul Breitner wiederum tat öffentlich kund, dass er sich durch die Hymne in seiner Konzentration gestört fühle – was ihm eine kurzzeitige Spielsperre eintrug.

Noch beim Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und Schweden für die WM 1986 verteilte ein Funktionär des Deutschen Fußball-Bundes Handzettel mit dem Text der Hymne unter den Spielern – ohne größere sicht- oder hörbare Erfolge. Beim eigentlichen Turnier in Mexiko habe dann Teamchef Franz Beckenbauer persönlich seine Jungs zum Mitsingen angehalten, sagt Escher.
Zuletzt ist die Debatte vielstimmiger und der Gesang hier und da wieder etwas leiser geworden. Im Aufgebot der Nationalelf stehen immer öfter Spieler mit Migrationshintergrund. Und die haben – siehe Özil – einen unterschiedlich engen Bezug zur Hymne.

Zugleich bemerkt Historiker Escher eine allgemeine Renaissance der Hymnen. „Angesichts von Globalisierung und Digitalisierung werden Traditionen und Identitäten plötzlich wieder wichtiger.“ Leider verbinde sich damit auch ein erstarkender Nationalismus.
Unterdessen werden neue Varianten erprobt. Auf lebhaften Widerspruch stieß SPD-Politikerin Kristin Rose-Möhring. Die Gleichstellungsbeauftragte des Bundesfamilienministeriums schlug Anfang März unter anderem vor, aus „brüderlich mit Herz und Hand“ die Zeile „couragiert mit Herz und Hand“ zu machen. Für Heiterkeit sorgte der unvergessene Auftritt von Sarah Connor. Die deutsche Popsängerin sang „Brüh‘ im Lichte dieses Glückes...“ statt „Blüh‘ im Glanze dieses Glückes...“ Das war 2005 vor einer Partie der Nationalmannschaft gegen den FC Bayern in der neuen Allianz-Arena. (Joachim Heinz/kna)  

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Redaktion
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

Zurück zum Archiv

Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren