Kultur

Mittwoch, 23. März 2016

Die perfekte Form

Das Ei inspiriert Wissenschaftler und Architekten

An Ostern bunt – aber wissenschaftlich noch nicht exakt definiert: das Ei. Foto: actionpress

Es hat die vollkommene Form: rund, aber nicht kugelig; fast wie ein Handschmeichler. Und obwohl die Schale scheinbar so zerbrechlich und dünn ist, schützt es das neue Lebewesen, bis es reif zum Schlüpfen ist. Das Ei ist ein Phänomen, seit Beginn der Menschheit Symbol für Fruchtbarkeit und Leben. Zahlreiche Osterbräuche stellen das Ei ins Zentrum. Denn an Ostern feiern Christen die Auferstehung Christi nach seinem Tod am Kreuz.

Doch das Ei ist auch aus naturwissenschaftlicher Sicht eine Besonderheit: Es ist beispielsweise noch nicht gelungen, eine mathematische Formel für die Eiform zu finden. Der Maler und Mathematiker Albrecht Dürer (1471 bis 1528) etwa glaubte: Wenn ein Kegel – also ein Körper, der unten rund ist und oben spitz zuläuft – schräg durchgeschnitten wird, könnte der Schnitt die „Eilinie“ ergeben. „Doch dem ist nicht so, hier irrte Dürer“, sagt Mathematik-Professor Albrecht Beutelspacher von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Seit Dürer habe sich nicht viel an diesem Erkenntnisstand geändert. „Es gibt zwar Versuche, die Eiform zu beschreiben, aber ein Ei ist weder definiert – so wie ein Kreis oder eine Ellipse definiert ist – noch gibt es ein Instrument, um eine Eilinie zu zeichnen“, erklärt Beutelspacher.

Ei ist auch nicht gleich Ei. Je nach Vogelart und Brutort unterscheiden sich die Eiformen stark voneinander. Eier, die auf einem flachen Untergrund ausgebrütet werden, sind eher kugelig. Eier von Felsenvögeln sind dagegen eher länglich. „Das ist das Ergebnis brutaler Evolution“, sagt Beutelspacher. Je runder ein Ei, desto eher kommt es ins Kullern – ein Ei, das von einer Felswand fällt, ist sofort kaputt.

Leichtere Stöße hingegen kann ein Ei gut abpuffern – so stabil ist die hauchdünne Schale. „Die Stabilität kommt daher, dass es so schön rund ist“, sagt Beutelspacher. Ecken, Knicke oder Einbuchtungen wären gefährdete Stellen. „Durch die Homogenität ist es so, dass jeder Druck, der irgendwo ausgeübt wird, von der gesamten Struktur aufgefasst und aufgefangen wird“, erklärt der Mathematikprofessor. Ein ähnliches Prinzip gilt auch für andere natürliche Strukturen wie etwa Bienenwaben oder Spinnennetze. Im Umkehrschluss heißt es aber auch: Wenn das Ei irgendwo einen kleinen Riss hat, dann geht es ganz leicht kaputt.

Doch nicht nur Kugeln und Eier, auch Halbkugeln und Halbeier werden von Mathematikern untersucht. Hierbei sind sie auf Erstaunliches gestoßen: „Nicht jeder runde beziehungsweise konvexe Körper ist starr“, sagt Professor Konrad Polthier von der Freien Universität Berlin. „Allerdings besitzen auch Halbkugeln oder Halbeiflächen eine Stabilität gegenüber Verbiegungen, wenn man nämlich den Rand fixiert.“ Legt man etwa einen halben Tischtennisball mit dem Kreisrand auf einen Tisch, so stellt man fest, dass dieser nicht mehr mit dem Daumen eingedrückt werden kann. 

Dieses Prinzip haben sich in der Architektur viele zunutze gemacht. Kuppeldächer erinnern an die Form, wie etwa der Felsendom, dessen goldenes Dach zum Wahrzeichen Jerusalems geworden ist. Aber auch Reaktorgebäude von Atomkraftwerken seien durch die Form einer Halbeifläche gekennzeichnet.

Auch in der Autoindustrie setzten Designer auf das Ei. Das Kultauto Käfer oder der DDR-Wohnwagen – besser bekannt als das „Dübener Ei“ – sind berühmt für ihre gewölbten Dächer. Durch runde Fronthauben und Kotflügel sieht der Käfer nicht nur niedlich aus, sondern ist beim Überschlag auch stabiler.

In der Designgeschichte nimmt die Form des Eis einen besonderen Platz ein – wenn auch wohl mehr aus ästhetischen Gründen: In den 70er Jahren eroberten eiförmige Sessel oder Lampen die Wohnzimmer und futuristischen Filmkulissen. Legendär wurde der Egg Chair des Finnen Eero Aarnio. Und Arne Jacobsen entwarf schon 1958 den „Egg“-Sessel, der mit seiner einladenden Form heute ein Klassiker ist.

Später wurden futuristische Mini-Häuser nach dem Vorbild des Eis gestaltet. Slowakische Architekten haben ein sogenanntes Wohn-Ei konstruiert. Die Kapseln sollen auf einer Länge von knapp viereinhalb Metern als autarke Mini-Häuser funktionieren – fast schon wie die echten Eier. (red)

 

Was das Ei mit Ostern zu tun hat

Ostereier sind weit mehr als leckere Nascherei. Das Ei gilt von alters her als Symbol des Lebens und der Auferstehung. Denn daran erinnert das christliche Osterfest: Der gekreuzigte Jesus ist von den Toten auferstanden, Gott schenkt neues Leben.

Schon der Kirchenvater Augustinus, geboren 354, deutet das Ei theologisch. Und in der gesamten europäischen Kunstgeschichte steht das Ei sinnbildlich für die Auferstehung – Christus hat das Grab und damit den Tod durchbrochen wie ein Küken die Schale seines Eis.

Dass der Hase bemalte Eier im Garten versteckt, die dann von Kindern am Ostermorgen im Moos gefunden werden, wird zum ersten Mal 1682 von dem Mediziner Georg Franck von Franckenau in der Abhandlung „De ovis paschalibus – von Oster-Eyern“ erwähnt. Er beschreibt das Phänomen, dass der Osterhase in bestimmten deutschen Regionen Eier versteckt – und nennt es „eine Fabel, die man Simpeln und Kindern aufbindet“.

Meist rot gefärbte Eier als Ostergeschenke kennt man in Deutschland schon im 13. Jahrhundert. In den orthodoxen Kirchen hat das Osterei besondere Bedeutung: In Russland schreibt man in Kirchen geweihten Eiern magische Fähigkeiten zu. (epd)

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