Geistliches Leben

Montag, 19. Dezember 2016

Die Provokation von Weihnachten

Sein wie Jesus: In Gott verwurzelt und hilfreich den Menschen - Gedanken zum Johannes-Evangelium 1, 1-5.9-14

In den Tagen des Advent hat mich dieses Lied besonders begleitet: „O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab, vom Himmel lauf! Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für!“ (Gotteslob 231). Dieses Lied des Jesuiten Friedrich Spee aus dem Jahr 1622 entstand ja in einer Zeit, die ähnlich zerissen war, wie unsere.

Sehnsuchtsvolle Worte. Wir singen sie – könnten sie aber auch verzweifelt schreien. Reiß ab die Schlösser von den Toren der „Bastion Europa“! Reiß auf die Geldtresore der Banken und Superreichen! Reiß ab die Riegel vor meinem verschlossenen Herzen – aus Angst vor Wohlstandsverlust! Reiß auf die Türen zwischen den verfeindeten Völkern und Religionen! Reiß ab die Mauern in unseren Köpfen, die uns voneinander trennen: die Mauer unseres Schubladendenkens und Voreingenommen-Seins. Reiß ab die dunkle Festung der fanatischen Unvernunft und Hartherzigkeit. Reiß ab! Reiß auf! Herab vom Himmel lauf – in unsere Hölle der Habgier, die sich erschöpft in kleinen Momenten des Kaufens, Verbrauchens und Wegwerfens – von Dingen und Menschen: „Ich, ich, ich – und das war‘s.“

Wie oft wollen wir – auch in unserem kleinen, ganz persönlichen Leben – wie oft würden wir am liebsten schreien: „O Heiland reiß die Himmel auf!“ – aber der Himmel scheint verschlossen, wie mit Schloss und Riegel davor. „O Erd schlag aus, schlag aus o Erd!“– aber die Erde ist wüst und leer.

Und dann hören wir wieder die Weihnachtsgeschichte. Es wird erzählt, dass der Himmel längst schon offen ist, uns wird verkündet, dass Gott uns nicht fern ist: „Fürchtet euch nicht!“, man sagt: hier – hier auf unserer Erde, in deinem Leben – dort ist Gott mit dir.

Aber ändert das was? Wem kann ich allen Ernstes sagen: „Alles ist gut – Jesus ist geboren“? „Vertraue auf Gott – und dir wird nichts geschehen“? „Du bist erlöst – alles halb so schlimm“? Ist die Welt 2016 Jahre nach dem ersten Weihnachtsfest wirklich besser geworden?

Weihnachten heißt ehrlicherweise auch Abschied nehmen von Allmachts-Phantasien: Der offene Himmel beendet nicht unsere Kriege, er macht nicht Schluss mit Hass und Terror und unser Selbstsucht, er nimmt nicht weg Krankheit, Leiden und Tod. An Weihnachten feiern wir nicht den Himmel auf Erden. Im Glanz der Lichter und im Klang der vertrauten Lieder stellt uns dieser Tag jedes Jahr neu vor die unerbittliche Fragen:

  • Willst du trotzdem mit diesem Gott leben?
  • Kannst du mit diesem Gott leben?
  • Mit diesem herunter-gekommenen Gott?
  • Mit diesem „Kind im Stall“?
  • Mit einem Gott, der den Thron seiner Allmacht verlassen hat?

Was bleibt von deinem Glauben, wenn Gott nicht die Lösung unserer Probleme ist, nicht die Antwort auf unsere ungeklärten Fragen? Was bleibt von deinem Glauben, wenn Gott nicht der große Wünsche-Erfüller ist, nicht der Helfer in der Not?

Kannst du ihn trotzdem lieben – ohne Bedingungen an ihn zu stellen? Ohne, dass Gott für deine Freundschaft schuften muss?

Das Bild vom Kind in der Krippe:  der herunter-gekommene Gott in unsere herunter-gekommene Welt. Der Stall von Bethlehem lenkt unseren Blick weniger auf den Himmel, vielmehr noch auf diese Erde – weil Gott nicht „oben“ bleibt, sondern sich selbst „ge-erdet“ hat. Wir sind ihm anscheinend so wertvoll, dass er trotz allem und in allem mein Leben mit mir leben will – er gibt sich in meine Hand, er vertraut sich mir an: machtlos und schutzlos.

Weihnachten bleibt die größte Herausforderung unseres Glaubens und unseres Christseins, dass wir diesen Gott annehmen – so, wie er ist; dass wir es ihm gleichtun: machtlos und schutzlos – wie er – dieses Leben annehmen – so, wie es ist; dass wir mit ihm an unserer Seite –„still und unerkannt“ – uns – mit ihm – treu an die Seite seiner Menschen stellen und uns – mit ihm im Herzen – seiner Welt annehmen – dieser grausamen, heimgesuchten und doch auch wundervollen Welt.„Wenn du dich satt gesehen hast an dem Kind in der Krippe, dann geh’ noch nicht fort! Mach’ erst seine Augen zu deinen Augen, seine Ohren zu deinen Ohren und seinen Mund zu deinem Mund. Mache seine Hände zu deinen Händen, sein Lächeln zu deinem Lächeln und sein Herz zu deinem Herzen. Dann erkennst du in jedem Menschen deinen Bruder, deine Schwester. Wenn du ihre Tränen trocknest und ihre Freude teilst, dann ist Gottes Sohn in dir geboren – und du darfst dich freuen“, so schreibt  Marina Roost in ihrem ergreifenden Text.

Mach’s wie Jesus: In Gott verwurzelt und hilfreich den Menschen.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Pfarrer Daniel Zamilski
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