Geistliches Leben

Mittwoch, 26. August 2020

Die Sache mit dem „Sündigen“

Sünde – die Zerstörung der vertrauensvollen Beziehung des Menschen gegenüber Gott

„Es ist nicht einfach, zu verzeihen. Doch Verzeihen öffnet die Herzen und verleiht Ruhe und Frieden“, so Papst Franziskus. Immer wieder äußert sich der „Familienmensch“ aus Lateinamerika zur Bedeutung menschlicher Beziehungen in Ehe und Familie. Darüber hinaus gehören die Fähigkeit zu verzeihen und zur Versöhnung für Franziskus auch zu wichtigen Größen im Umgang der Menschen miteinander in Gesellschaft und Politik. (Foto:actionpress)

„Hab ich heute wieder gesündigt“, kann man am Ende des Kuchenessens auf manchen Feiern zu hören bekommen. Ist die Buffetschlacht geschlagen, beginnt an vielen Orten das Wehklagen im Hinblick auf die Mengen an Kalorien und die Sorge um den Verlust der aktuellen Kleidergröße.
„Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht“, könnte zwar ein Auftrag für einen Diätassistenten sein, ist aber im heutigen Matthäus-
Evangelium fernab von Anweisungen für Treffen der „Weight Watchers“ zu verstehen. Was hat es also mit dem genannten „Sündigen“ auf sich?  
Unter „sündigen“ versteht man im Allgemeinen das Übertreten eines oder mehrerer Gebote Gottes bzw. den Verstoß gegen bestehende Normen. Im Judentum gleicht Gott die angemessene Strafe hierfür durch Gnade aus und als zentrale Elemente der Sühne (= Ausgleich für eine Schuld) fungieren das Gebet, aufrichtige Reue und Umkehr. Im Islam ist Sünde die Verletzung des Willens Gottes oder seiner Schöpfung. Der Koran verweist diesbezüglich auf die Barmherzigkeit Gottes und dessen Macht zur Vergebung. Hierbei spielen Reue und Buße ebenfalls eine zentrale Rolle. Aus christlicher Perspektive ist Sünde die Zerstörung der vertrauensvollen Beziehung des Menschen gegenüber Gott. Jesus Christus ist das Gegenteil von Sünde, aber in seinem Handeln besonders auf die Sünder fokussiert.
Wenn es im heutigen Evangelium darum geht, über Sünde und den Umgang mit Sündern nachzudenken, dann wird wohl niemand für sich reklamieren können, dass ihn das nicht betrifft. In meiner Arbeit in der Internetseelsorge begegnen mir immer wieder Menschen, die sich im Ringen mit sich, ihren Sünden und den ihnen angetanen Sünden befinden. Von Beziehungen zu Verheirateten ist hier ebenso die Rede, wie von schweren Kämpfen, die Missbrauchsopfer durchstehen im Hinblick auf ihre Peiniger und die Taten, die ihnen angetan wurden.
Sünden sind Beziehungstaten. Durch Unterlassung, bösen Willen oder böswillige Taten „versündigen“ sich Menschen im Großen und Kleinen. Wenn Sie auf Ihr Leben einmal schauen, wie sieht es da mit Ihren Beziehungen aus? Wie leben Sie die Beziehungen in ihrer Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, im Bekanntenkreis, in der Gemeinde, Verein und am Arbeitsplatz? Wieviel negative-böse Gedanken und Handlungen sind da im Spiel? Wie sieht es mit Ihrer Beziehung zu Gott aus?      
Das Thema Sünde ist so mannigfaltig, wie es Menschen gibt. Aus Sicht des Evangeliums ist Jesus viel daran gelegen, dass Beziehungen wieder ins Lot kommen. Nicht umsonst wird bei Matthäus ein dreistufiges Hilfsmodell vorgestellt, dasw den Sündern eine Brücke bauen soll und den Umgang mit ihnen regelt. Zuerst wird das Vieraugengespräch, dann das Zweier- bzw. Dreiergespräch und schließlich der Austausch auf Gemeindeebene vorgeschlagen. Dieses dreistufige Modell an „Eskalationsstufen“ hat zum Ziel, dem Sünder auf unterschiedlichen Ebenen immer wieder die Hand zu reichen.
Wie im „richtigen Leben“ wird auch im Evangelium die Möglichkeit erwähnt, dass alles Mühen vergeblich sein kann. Das ist tragisch und traurig, ist aber im Bereich des Möglichen. Dies sollte jedoch nicht dazu animieren, vorschnell die Flinte ins Korn zu werfen. Das Leben ist zu kurz und zu kostbar, um sich nicht die Hand zur Versöhnung zu reichen.

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