Kultur

Donnerstag, 22. Juni 2017

Die Taufstelle am Jordan soll minenfrei werden

Vorhaben der Organisation Halo Trust hat politische Sprengkraft

Taufe am Jordan. Der größte Teil der Taufstelle ist militärisches Sperrgebiet. Foto: actionpress

Die Taufstelle am Jordan ist nicht nur eine christliche Pilgerstätte, sondern vermintes Gebiet. Nur ein kleiner Teil ist zugänglich. Nun will eine Minenräumungsorganisation das ganze Gebiet säubern.

Die Fotos in der Broschüre der Minenräumungsorganisation Halo Trust sind eindrücklich: Sieben Klöster und Kirchen zieren das knapp eine Million Quadratmeter große Areal entlang des Jordanflusses. Der heutige Besucher der traditionellen Taufstelle „Kasr al Jahud“ jedoch muss mit einem Blick aus der Ferne vorlieb nehmen: Absperrungen begrenzen einen kleinen zugänglichen Teil. Der große Rest des Gebiets am Westufer des Flusses ist militärisches Sperrgebiet – und mit tausenden Minen aus dem Sechstagekrieg 1967 verseucht.

Laut Halo Trust könnte das Land rund um die wichtige christliche Pilgerstätte in gut einem Jahr minenfrei sein – sofern die Finanzierung gesichert ist. Alle acht Kirchen mit Grundbesitz an der Stätte haben ihre Zustimmung zu dem Projekt gegeben. Das allein ist eine kleine Sensation angesichts des nicht immer einfachen Umgangs mit gemeinsamen Heiligen Stätten.

Ronen Schimoni, Projektmanager des Halo Trust im Westjordanland, erklärt sich den kirchlichen Rückhalt für sein Projekt so:     „Der Halo Trust ist die einzige Organisation, die kein anderes Interesse hat als die Räumung der Minen. Wenn das Land einmal geräumt ist, geben wir es den ursprünglichen Besitzern zurück.“

Wie viele Minen in dem Gebiet genau liegen, weiß keiner. Schätzungen gehen von 2600 Panzerabwehrminen aus, dazu Antipersonenminen, Sprengfallen in Gebäuden und über das Gebiet verstreute Blindgänger. Auf dem bereits zugänglichen Teil der Taufstelle wurden laut israelischer Armee vor dessen Eröffnung 2010 mehr als 8000 Minen entfernt. Israel räumt regelmäßig Minenfelder, bestätigt auch Schimoni. Nur: Mit dem bisherigen Budget würden weitere 60 Jahre vergehen, bis alle 70 Minenfelder im Jordangraben gesäubert sind. Nach Militärangaben liegen auf dem Gebiet von rund 250 Kilometern Länge zwischen 350000 und 400000 Minen.

An der Taufstelle soll das dank privaten Spenden schneller gehen. Auf 3,6 Millionen Euro schätzt Schimoni die Kosten für das Projekt. Einen Großteil des Geldes habe man bereits zusammen, auch dank kirchlicher Spenden aus aller Welt. „Wir hoffen, dass wir noch 2017 mit der Räumung beginnen können“, sagt Schimoni. „Erfahrungsgemäß fließen fehlende Spenden, sobald wir mit der Arbeit Fakten schaffen.“

Einen wesentlichen Erfolg konnte der Halo Trust bereits verzeichnen: Zu den Spenden gehört ein Magnetometer deutscher Fabrikation. „Mit seinem Einsatz anstelle von sechs Metalldetektoren können wir die ursprünglich benötigte Räumungszeit um 75 Prozent verkürzen“, sagt Schimoni. Eine Zeitersparnis, die sich auch in dem benötigten Budget deutlich bemerkbar macht. Doch bevor die Minenräumer sich den Sprengsätzen in der Erde widmen können, müssen sie ein politisches Minenfeld durchkämmen. Denn auch wenn alle Beteiligten einschließlich der israelischen Armee ihr „OK“ für den Rückgabeplan gegeben haben: Fragen bleiben. Anders als Israel hat Jordanien seine Minenfelder am östlichen Jordanufer bereits mit dem Friedensvertrag mit Israel 1994 geräumt. Warum, heißt es hinter vorgehaltener Hand von einheimischen Christen, sollen ausgerechnet Christen weltweit für die Räumung von Minen spenden, die Israel auf kirchlichem Besitz ausgelegt hat? Zudem liegt das zu räumende Feld im sogenannten C-Gebiet des Westjordanlandes, also zivil und militärisch unter israelischer Kontrolle. Wie weit, fragen sich kritische Stimmen, werden die Palästinenser von der Säuberungsaktion profitieren?

Schimoni hält am Projekt fest, spricht von einer Win-win-Situation: „Wir haben alle diese Fragen auf den Tisch gebracht. Wenn das Minenfeld einst geräumt sein wird, werden alle davon profitieren, und die Bedenken werden vergessen sein.“ (Andrea Krogmann, kna)

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