Geistliches Leben

Dienstag, 26. September 2017

Die ungleichen Brüder

Wenn das Ja zum Nein wird und das Nein zum Ja – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 21, 28–32 von Studiendirektor i.R. Theo Wingerter

„Wir haben Bände voller Erkenntnisse und setzen im Grunde nichts davon um.“ So beklagte sich sinngemäß vor einigen Wochen ein angesehener Vogelkundler. Es werde nichts oder zu wenig gegen die Zerstörung der Natur unternommen. Wir hören uns kluge Reden an und geben dem Redner recht, ziehen aber keine Konsequenzen für unser Verhalten daraus, meinte er. – Dies kan ja auf sehr viele Bereiche übertragen werden und ist im Grunde zeitlos.

Im heutigen Evangelium greift Jesus auf eine solche Erfahrung in seiner Auseinandersetzung mit den Ältesten und Hohenpriestern zurück. Sie sehen sich auf der Seite Gottes und hörten den Ruf des Johannes des Täufers zur Umkehr. Sie verweigerten ihm jedoch den Glauben. Vordergründig sagen sie Ja, handeln aber Nein. Jesus geht es hier um die Offenheit für das Reich Gottes und um den Einsatz dafür.  

Auch das Verhalten des zweiten Sohnes entspricht einer zeitlosen Erfahrung, die z.B. Erwachsene mit Pubertierenden machen. Auf ihre Bitte hin folgt gelegentlich ein schroffes Nein des Jugendlichen. Der Auftrag kommt ihm ungelegen und er sieht ihren Sinn nicht ein, oder die Arbeit ist ihm zu anstrengend. Nach einer Zeit des Nachdenkens kommt er zur Einsicht, dass seine schroffe Ablehnung nicht weiter führt, ungerecht ist und die Liebe verletzt. Er versteht, dass die Arbeit notwendig getan werden muss und er sich nicht drücken darf. Er ändert seine Einstellung und übernimmt den Auftrag.

Im Beispiel Jesu geht der zweite Sohn schließlich doch zur Arbeit im Weinberg. Sein Verhalten gleicht dem der Zöllner und Dirnen. Ihr bisheriges Verhalten war ein Nein zum Willen Gottes. Aber im Gegensatz zu den Hohenpriestern und Ältesten haben sie auf Johannes den Täufer gehört. Darum bekommen sie einen Platz im Reich Gottes. 

Worin besteht das Beispielhafte in ihrem Verhalten? Sie sind offen für das Neue und bereit, neu nachzudenken. Sie stellen sich dem Willen Gottes. So versuchen sie herauszufinden, was Gott und dem Nächsten dient, und zu verstehen, was für sie wichtig und wesentlich ist.

Sie wissen, um die eigenen Schwächen und Unvollkommenheiten. Darum sehnen sie sich nach einem anderen Leben und haben ein Gespür für eine heilbringende Botschaft. Sie sind bereit, umzukehren und falsche Entscheidungen durch ein neues Handeln zu korrigieren. Der jüngere Bruder konfrontierte sein Nein mit dem Willen seines Vaters. Dies ließ ihn dann seine ursprüngliche Entscheidung revidieren.

Die intensive Auseinandersetzung mit dem Willen Gottes kann auch uns zu veränderten Erkenntnissen und Entscheidungen bringen, die der Realität der Gegenwart und unserem Leben gerecht werden. Ein ursprüngliches Nein zu bestimmten Verhaltensweisen z.B. auf dem Gebiet der Moral, kann so zu einem Ja werden. Wir müssen nur herausfinden, warum unter anderen Voraussetzungen der Wille Gottes zu zeitbedingten Vorschriften führte, welche damals für den Menschen sinnvoll und hilfreich waren, die heute aber nicht mehr weiterhelfen.

Auch für die Kirche ist es notwendig, frühere Vorschriften daran zu messen, ob sie dem Willen Gottes in der jeweiligen Zeit entsprechen. Wie in dem Beispiel Jesu aus dem Nein des jüngeren Bruders ein Ja wurde, dürfte eine ähnliche Korrektur auch für die Kirche möglich sein. Eine Veränderung der Lebensbedingungen der Menschen und eine tiefere Erkenntnis des Willens Gottes wird zu neuen Antworten auf Probleme der Gegenwart führen.

Zu jeder Zeit ist es der Wille Gottes, dass die Menschen fortbestehen und ein erfülltes und menschenwürdiges Leben führen. Als die Schöpfungserzählungen entstanden, war das Überleben des Menschen vielfach gefährdet. Damals war es zum Fortbestand der Menschheit notwendig, möglichst zahlreiche Nachkommen zu haben. Der Wille Gottes fand also seinen Niederschlag in dem Schöpfungsauftrag „Seid fruchtbar und mehret euch“ (Buch Genesis 1,28).

Wenn heute jedoch das Überleben der Menschheit durch eine drohende Überbevölkerung gefährdet ist, muss der Wille Gottes zu neuen Erkenntnissen und Schlussfolgerungen führen. Nicht die unkontrollierte Fortpflanzung ist heute gefordert. Eine vernünftige Weitergabe des Lebens in einer verantworteten Elternschaft entspricht dem Willen Gottes. Auf diesem Hintergrund muss die Kirche auch die Enzyklika „Humanae vitae“ mit ihrem absoluten Nein zu dem Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung verändern. Aus ihrem Nein würde schließlich ein Ja dazu: Aus den gewonnenen Einsichten sind Konsequenzen für ihre Vorschriften und das konkrete Handeln zu ziehen.

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