Kultur

Mittwoch, 06. Mai 2020

„Durch alles trägt mich der Glaube“

Bischof em. Anton Schlembach: Persönliche Gedanken und Erinnerungen in der Corona-Krise

(Foto: Landry)

Die gegenwärtige und nun bereits schon länger anhaltende Corona-Krise, deren Dauer zudem noch ungewiss ist, beschäftigt viele Menschen, auch über das Tagesgeschehen hinaus. Immer wieder ist von Äußerungen über Sinn und Werte zu hören und zu lesen. Für viele Menschen ist dies eine besondere Zeit des Nachdenkens, auch des Erinnerns. Im Folgenden hat Bischof em. Dr. Anton Schlembach seine persönlichen Gedanken für den „pilger“ niedergeschrieben.

Die Kar- und Osterwoche musste ich im Krankenhaus verbringen. Dennoch fiel Ostern nicht aus. Über den katholischen Rundfunksender Radio Horeb konnte ich die gesamte Liturgie mit Papst Franziskus in Rom mitfeiern. Und ich hatte viel Zeit zum Beten und zum Nachdenken, vor allem auch über die Corana-Krise, die alles bestimmte und bestimmt. Dabei wurden in mir immer wieder drei Erinnerungen lebendig. Sie waren für mich auch eine Orientierungshilfe.
Die erste Erinnerung reicht in meine frühe Kindheit zurück: Aufgewachsen bin ich in einem durch und durch katholischen Bauerndorf. Dorfgemeinschaft und Pfarrgemeinde waren eins. Da brach eines Tages völlig unerwartet eine Viehseuche aus, die so genannte Maul- und Klauenseuche. Die betroffenen Bauernhöfe durften nicht mehr besucht werden, Kinder sich nicht mehr treffen, Kindergarten und Schule wurden geschlossen. Auf den abgeschirmten Bauernhöfen musste Vieh notgeschlachtet werden. Einzig die Dorfkirche blieb offen, Gottesdienste durften gefeiert werden. Sie wurden nicht weniger, sondern mehr mitgefeiert, auch die zusätzlichen Bittandachten.
Die Menschen versuchten, ihre Erfahrung dieser Seuche mit ihrem Glauben an Gott und mit ihrer Frömmigkeit zu vereinbaren. Sie glaubten: Gott ist allmächtig, also hätte er die Seuche verhindern können. Doch er hat sie zugelassen. So darf und muss man ihn bitten, sie zu beenden. Zugleich hatten die Menschen das gläubige Bewusstsein: Gott ist auch in dieser Notsituation bei uns, er liebt uns weiter und ruft zu verantwortlichem Handeln, zum Weiterleben und zum Weiterarbeiten. Sie betrachteten die Seuche nicht als direkte Strafe Gottes, sahen aber einen Zusammenhang mit der Unvollkommenheit und der erbsündlich geprägten Welt entsprechend dem Wort des Augustinus: Wo (vermeintlich) Gott straft, straft sich der Mensch selbst. Damit stand das Dorf in einer langen Tradition. So wurden jedes Jahr zwei „gelobte Feiertage“ ohne Feldarbeit gehalten. Ende des 18. Jahrhunderts wurde, auch anlässlich einer Viehseuche, der 20. Januar, der Gedenktag des heiligen Märtyrers Sebastian, als Dorffeiertag eingeführt, ebenso anlässlich einer total verhagelten Ernte der so genannte „Hagelfeiertag“.

Menschheit: Eine einzige und beständige „Risikogruppe“
Auch erinnert mich die gegenwärtige Corona-Krise lebhaft an die ersten Monate des Jahres 1945. Ich wohnte im „Bischöflichen Knabenseminar“ in Würzburg und besuchte in der dritten Klasse das Altsprachliche Gymnasium. Immer mehr Bombenangriffe zerstörten Städte in Deutschland. Am 16. März traf es auch Würzburg. Zum Glück hatte das bayerische Kultusministerium einige Tage zuvor alle Schulen geschlossen, sodass wir noch heimfahren konnten. Zuletzt waren wir, vor allem in der Nacht, mehr im Luftschutzkeller als im Haus. Dort erlebten wir noch die ersten Bombenabwürfe. Unser Präfekt war ein junger Priester, der spätere Bischof und Kardinal Julius Döpfner. Er erteilte uns nach einem Gebet der Reue die Generalabsolution: Am Abend wussten wir nicht, ob wir noch den nächsten Tag, und am Morgen nicht, ob wir noch den Abend erleben würden. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass der Mensch – und das bin ich – sterblich, unentrinnbar todgeweiht ist, und dass der Tod sein ständiger Wegbegleiter ist. Jeder Mensch gehört vom ersten Augenblick seines Daseins jeden Tag zur Menschheit, die in Bezug auf den Tod eine einzige und beständige „Risikogruppe“ ist. Es ist mir unverständlich, dass heute weithin so getan wird, als gäbe es ohne das Corionavirus keinen Tod mehr und als wären nur „die Alten“ eine „Risikogruppe“.
Auch lässt mich die gegenwärtige Corona-Diskussion zurückdenken an die Jahre vor 1968. Vor der neomarxistischen Kulturrevolution war vor allem der französische Existentialismus geistig prägend. Ihr Hauptvertreter, Jean-Paul Sartre, war an den höheren Schulen Pflichtlektüre, wie auch ein anderer Vertreter dieses Existentialismus, der Schriftsteller Albert Camus. Damals las ich eines seiner Bücher, das mich zutiefst beeindruckte und mir als Religionslehrer pädagogisch sehr hilfreich war: „Die Pest“. Albert Camus erhielt für diesen Roman den Literatur-Nobelpreis. Beschrieben wird eine durch Ratten verbreitete tödliche Seuche und wie sich verschiedene Menschengruppen zu ihr verhielten. Die Hauptfigur des Romans, der im Grunde ein zutiefst theologisches Werk darstellt, ist der Arzt Dr. Rieux. Er verkörpert den Vertreter der atheistischen Absurditätsphilosophie. Für ihn gilt: Der Tod ist die stärkste Macht der Welt, und er ist absolut sinnlos. Weil er das Vorzeichen von allem ist, ist so auch alles absurd, reine Absurdität, die somit die existentielle Grundbestimmung des Menschen und aller Wirklichkeit ist. Und weil das so ist, gibt es keinen Gott, denn ein mit dem Tod strafender Gott ist undenkbar. Aus dem Absurditätsbefund aller Wirklichkeit musste mit innerer Logik die Verzweiflung und zuletzt der Selbstmord folgen. Der Mensch entgeht ihr, wenn er sich im Bewusstsein der Vergeblichkeit gegen die Absurdität aufbäumt. Die Tätigkeit des Arztes ist dafür das beste Beispiel.

Von der innersten Sehnsucht und Urhoffnung des Menschen
Wie nie zuvor erkannte ich bei der Lektüre von „Die Pest“, dass der vergebliche Kampf gegen die Absurdität kein Ausweg aus Absurdität und Verzweiflung ist. Die einzige Alternative dazu ist die christliche Glaubensbotschaft von der Auferstehung und dem ewigen, seligen Leben in der unendlichen Liebe Gottes. Der Mensch ist sterblich und todverfallen. Aber er ist nicht für den Tod geschaffen, sondern für die Auferstehung. Dies entspricht auch der innersten Sehnsucht, der Veranlagung und der Urhoffnung des Menschen. Der Mensch will ewig leben, aber nicht endlos in der Zeit, sondern über Zeit und Raum hinaus. Nicht der Arzt Rieux ist der „Heiland“: Der Heiland ist allein Jesus Christus, der gestorben und von den Toten auferstanden ist. Er ist der einzige, der wahre Heilbringer, der Erlöser von Absurdität und von Sinnlosigkeit, von Hoffnungslosigkeit und von Vergeblichkeit. Im auferstandenen Jesus Christus liegt die begründete Verheißung, ja die Garantie für Erfüllung und Vollendung des Menschen und der Welt.
So kann und will uns die Coriona-Pandemie gerade in der österlichen Zeit – und all unsere Zeit trägt Ostern – unseren Osterglauben stärken und vertiefen.

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