Geistliches Leben

Mittwoch, 19. Dezember 2018

Eigene Wege gehen

Auch Maria und Josef mussten lernen, Jesus loszulassen - Gedanken zum Lukas-Evangelium 2, 41–52 von Pastoralreferentin Annette Schulze

Gerade erst ist das Kind zur Welt gekommen. Es lag in Windeln in seinem Bettchen, und schon hat es den Wechsel auf die höhere Schule hinter sich. So schnell ist es groß geworden. Was viele Eltern und Großeltern mit ihren Kindern erleben, spiegelt sich in diesen Tagen, wenn unser Blick vom neugeborenen Christuskind in Betlehem zum Zwölfjährigen im Tempel gelenkt wird.

Aufgewachsen in den religiösen Traditionen seiner Eltern, pilgert Jesus mit ihnen zum Paschafest nach Jerusalem wie jedes Jahr. Jetzt aber ist er so weit, seinen eigenen Weg mit Gott zu gehen. Maria und Josef ist das noch nicht klar. Sie sind erschrocken, dass er gar nicht an sie denkt, und verärgert, nachdem sie ihn in Aufregung und Sorge gesucht haben.

In Gesprächen mit jungen Eltern taucht manchmal ein Bild auf, das den Glauben eines Kindes mit dem oder neben dem der Eltern beschreibt. Das Kind lebt und glaubt mit den Eltern wie das Wasser in einem Flussbett. Es schwimmt mit den Erfahrungen, Worten und Werten der Eltern mit, bis es irgendwann – im Bild gesprochen – in einen Nebenfluss abbiegt, seine eigenen Erfahrungen macht, Fragen stellt, Antworten sucht. Manches an Gewohnheiten lehnt es ab, manches Neue probiert es für sich aus. Nicht alles davon können die Eltern nachvollziehen. „Kind, wie konntest du uns das antun?“ Da sind Maria und Josef nicht anders als moderne Eltern, die lernen müssen, ihr Kind loszulassen. Dabei ist es das Ziel jeder „Erziehung“, dass die Kinder erwachsen werden und frei, ihre eigenen Erfahrungen zu machen, Wege zu gehen, Entscheidungen zu treffen – im Leben und im Glauben. Jesus geht seinen eigenen Weg. Er sucht den Austausch mit Menschen, die mehr Lebens- und Glaubenserfahrung haben als er. Sie nehmen ihn ernst und sind beeindruckt von seiner Weisheit, seinen Fragen und wie er sich Gott und die Welt erklärt.

Wie gut, wenn ein junger Mensch mit den großen Fragen nach dem Sinn und dem Leben nicht alleine bleibt. Wie gut, wenn es (auch) außerhalb der Familie Wegbegleiterinnen und –begleiter gibt, die mitfragen, mitzweifeln, mitsuchen. Wie viele Menschen geben ihren Glauben auf, wenn sie merken, dass ihnen Religion nur in kindlichen Bildern und Worten vermittelt worden ist. Im Erwachsenwerden stellen sich neue Fragen, die nicht mehr so einfach mit einem lieben Gott zu beantworten sind. Dann stellen die Lebenserfahrungen auch den Glauben in Frage, lassen uns zweifeln. Dann braucht es Mut, auch ohne einfache Antwort weiter zu gehen, Schritt für Schritt – und die Bestärkung, dass Zweifel zu jedem Glaubensleben gehören. Nur so kann sich der Kinderglaube zu einem kritischen erwachsenen Glauben weiterentwickeln.

In ihrem Adventskalenderbuch „Nacht-Visionen“ spürt die Pfarrerin Jan Richardson den Schatten von Advent und Weihnachten nach. Sie beschreibt ihren Glauben an Gott in Dunkel und Licht, die Hoffnung, die sie durch Höhen und Tiefen ihres Lebens begleitet hat. Auch wenn der Mond für unser Auge ab- und zunimmt, ist er doch immer „ganz“. Auch wenn ich nicht weiß, was im neuen Jahr an Licht und Schatten auf mich zukommt, kann ich daran festhalten, dass Gott meinen Weg mitgeht. Obwohl ich vielleicht gerade nicht den lieben Gott, sondern vielmehr die dunkle Seite Gottes erfahre, existiert das Licht trotzdem.

Der Junge, der als Mann am Kreuz rufen wird: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ sucht nach Orientierung für seinen ganz eigenen Weg. Er fragt nach einem Halt in einer Lebensphase, in der alles auf den Kopf gestellt wird. Dazu geht er an einen Ort, an dem er sich Gott besonders nahe fühlt. Und er nimmt die Erfahrung und Weisheit anderer für sich in Anspruch.

Es gibt Menschen, mit denen ich mich über mein Leben und meinen Glauben austauschen kann, mit denen ich zweifeln, staunen, lachen und weinen kann. Das sind Menschen, die Gefallen finden, wie es in unserem Text von Jesus gesagt wird, bei Gott und den Menschen. Wir selbst können solche Wegbegleiter*innen sein – und uns gegenseitig und miteinander daran erinnern, dass Gott da ist auf unseren Wegen, bei Tag und bei Nacht, auch wenn wir ihn nur halb oder gar nicht sehen: im Tempel in Jerusalem, in unserem Zuhause und vor allem in unserem Herzen, wo er zur Welt kommt.

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