Geistliches Leben

Donnerstag, 09. Juli 2020

Ein Aufruf zu Toleranz

Wir sollen alles wachsen lassen, bis zur Ernte

Der Sommer leuchtet gelb. Die Sonnenblumen stehen dafür. Die Farbe ist ein Hingucker, weckt Heiterkeit, Frische und gute Stimmung. (Foto: actiopnpress)

Immer wieder hat Jesus von ihm gesprochen. Immer wieder hat er in Gleichnisse versucht, seinen Zuhörerinnen und Zuhörern klarzumachen, wie nah es schon ist und wie sehr es darum geht, Gott und seinem Reich unter uns Raum zu geben. Was der Evangelist Matthäus in diesem Gleichnis schildert, war zur Zeit Jesu ein reales Problem. Eine giftige Pflanze, der sogenannte Taumel-Lolch, wuchs auf Getreideäckern gern zwischen den Getreidehalmen und konnte, wenn sie mit dem Weizen geerntet und versehentlich vermahlen wurde, das ganze Mehl unbrauchbar machen. Für die Ackerbauern damals ein echtes „Teufelszeug“. Um späteren Schaden zu verhindern, musste der Bauer das gefährliche Unkraut jäten, am besten vor der Ernte. Insofern widerspricht das Gleichnis Jesu der damals gängigen Praxis und machte es dadurch interessant.
Sicher scheint: Das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen zählt zu den wichtigsten Texten des Neuen Testaments. Für den Kirchenhistoriker Arnold Angenendt, dessen letztes Buch den Kernsatz unseres Gleichnisses im Titel trägt („Lasst beides wachsen bis zur Ernte …“), ziehen sich seine Wirkungen durch die gesamte Geschichte des Christentums bis heute.
Die Deutung, die Jesus im weiteren Verlauf unseres Textes selber liefert (Verse 36-43) und die das Endgericht so sehr betont, dürfte der Evangelist Matthäus allerdings erst später hinzugefügt haben. Vielleicht reagiert er damit auf Vorgänge in seiner Gemeinde. Denn die Konflikte, auf die diese Ausdeutung hinweist, plagen alle Glaubensgemeinschaften bis heute, leider auch die unsere: Das oft allzu flotte Urteil darüber, wer nun ein guter und wer ein schlechter Christ sei. Wer nach Ansicht derer, die sich für die Frommen halten, Gott wohlgefällig lebt und wer sich durch seinen Lebenswandel auf direktem Weg in die Hölle befindet – oder gnädigerweise doch nur ins Fegefeuer. Das scharfe Urteil darüber, wer für würdig erachtet wird zur Gemeinde zu gehören und wer draußen zu bleiben hat. Es sind die uralten Gegensätze von Rein und Unrein, von Fromm und Gottlos, von Drinnen und Draußen, die da anklingen. Urteile, die sich Menschen schon immer über andere Menschen angemaßt haben und die ihnen am Ende, so sagt es Jesus, doch gar nicht zustehen. Denn ob ein Mensch gerecht oder ungerecht ist, ob er vor Gott Angesicht fromm genug ist oder nicht, das weiß letztlich nur Gott allein. Und diesem Gott sollte der selbsternannte Fromme, wenn er denn wahrhaft fromm sein will, auch das letzte und endgültige Urteil überlassen.
Einfach ist das freilich nicht, denn die Zumutung des Anderen bleibt ja. Die andere Weise zu leben, zu glauben, zu lieben. Die große Lyrikerin Hilde Domin hat das in ihrem Gedicht „Sämann“ auf den Punkt gebracht: „Der große Sämann / ungerufen, / blies einen Atem von Blumensamen über mich hin / und streute eine Saat / von Kornblumen und rotem Mohn / in meine Weizenfelder. / Das leuchtende Unkraut, / mächtiger Sämann, / wie trenn ich es je / von den Ähren, / ohne die Felder / zu roden?“
Am besten gar nicht, möchte man antworten. Denn fromm im besten Sinne ist, wem es gelingt, dieses (ver)störend Andere mit Toleranz zu ertragen. Anders gesagt: Da, wo wir in aller Verschiedenheit tolerant miteinander auskommen, da kann es schon ganz zart beginnen: das Himmelreich.

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