Kirche und Welt

Mittwoch, 18. Dezember 2019

Ein Jahrzehnt der Krise

Ein kirchlicher Rückblick auf die Jahre zwischen 2010 und 2020

Die katholische Kirche befindet sich in einer krisenhaften Situation. Vieles steht im Schatten dieser Krise. (Foto:KNA)

Die katholische Weltkirche steckt in einer tiefen Krise, von der das abgelaufene Jahrzehnt geprägt war. Skandale, Missbrauch, Vertrauensverluste und ein Kulturbruch im alten Kerngebiet Westeuropa sind die Ursachen.
Januar 2010 bis Dezember 2019 – was für ein zweites Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts! Es begann mit dem Arabischen Frühling, der trügerischen Hoffnung auf eine baldige Demokratisierung der Arabischen Welt. Das Ergebnis waren neue Kriege und neue Diktaturen. Als Kollateralschaden ist das Christentum im Nahen Osten in weiteren Ländern verstümmelt, womöglich dem Untergang geweiht. Viele Kirchenvertreter fühlen sich auch von den Mitchristen im Westen im Stich gelassen.

Papst Benedikt XVI. – zu Beginn des Jahrzehnts am Ende seiner Kräfte, überfordert mit dem Ausmisten im Vatikan: Finanzskandale, „Vatileaks“, die Rede von einer „Schwulen-Lobby“. Mit fast 86 Jahren ging er im Spätwinter 2013, um Platz für einen anderen, kräftigeren zu machen – und die Kardinäle votierten für einen Neuanfang und Reformen. Eine „franziskanische Wende“, so wurde das bald genannt. Eine Zeit der Hoffnung, des Aufbruchs, des unerwarteten Jubels für das Papsttum über die Kirchengrenzen hinweg.
Am Ende des Jahrzehnts Ernüchterung, gleich in mehrfacher Hinsicht. Die Hinwendung von Papst Franziskus zu den Armen und Schwachen ist vielen zu unbequem; sein (personal-)politisches Umsteuern nach innen – gegen Klerikalismus und Machtmissbrauch – bleibt bislang unvollendet. Sein Kurs vom römischen Zentralismus hin zu mehr dezentraler Kollegialität ist kirchenrechtlich noch zu schwach verankert.
Noch offensichtlicher als unter Benedikt XVI. ist die Kirche geschwächt, angeschlagen durch Skandale. Franziskus will eine verbeulte Kirche, verbeult im Einsatz für die Armen. Doch Beulen gibt es vor allem durch Fehlverhalten. Ein weiteres Jahrzehnt der Enthüllungen, vor allem über sexuellen Missbrauch und Machtmissbrauch, zu vielen Fällen von Vertuschung und Festhalten an innerkirchlichem Korpsgeist. (Verspätete) Ermittlungen und Prozesse gegen Bischöfe, selbst gegen Kardinäle, häufen sich.
Wirtschaftlicher Missbrauch: Eine der größten Baustellen des Benedikt-Pontifikats war der Kampf gegen den finanziellen Filz im Vatikan. Doch die Fälle reißen nicht ab: Kurienkardinal Tarcisio Bertone genehmigte sich Gelder des Vatikan-Kinderkrankenhauses Bambino Jesu für seine 700-Quadratmeter-Ruhestandswohnung. Noch 2019 setzen vatikanische Investoren rund 300 Millionen Euro an Spenden in einem Kapitalfonds aufs Spiel – Ausgang ungewiss.
Der Fall Franz-Peter Tebartz-van Elst und das teure Bischofshaus in Limburg; der Fall Johannes Bündgens in Aachen – eine demente Schutzbefohlene, die Medienberichten zufolge von einem Weihbischof um eine sechsstellige Summe erleichtert worden sein soll. Vor allem ist es unfassbar viel Vertrauenskapital, das verloren ging. Selbst die ganz Treuen verzweifeln an jedem neuen solcher Fälle. Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer: „Tagtäglich bin ich mit den Anfragen und Zweifeln, mit Wut und Zorn von Gläubigen und Nicht-Gläubigen konfrontiert – und kann angesichts solcher Nachrichten nur noch ratlos mit dem Kopf schütteln.“
Unterdessen wird innerkirchlich, auch von einigen Kardinälen, die „franziskanische Wende“ in Rom öffentlich infrage gestellt oder offen angefeindet. Der innerkirchliche Riss scheint tief. In den 2010er Jahren ist durch die sogenannten Sozialen Medien die politische auch die innerkirchliche Debatte verroht. Weltkirchlich-kulturelle Öffnungen im Vatikan werden als „Sacco di Roma 2.0“, als „Entweihung des Allerheiligsten“, attackiert.
Für die Seelsorge der riesigen Amazonas-Region wird inzwischen über die Weihe verheirateter Männer („Viri probati“) diskutiert. Auch die Priesterkirche in Europa steuert in Richtung Kollaps. Beispiel Belgien: Nur jeder vierte katholische Priester dort ist jünger als 65 Jahre; mehr als jeder zweite hat dagegen bereits das 75. Lebensjahr überschritten.
Ansteckend, so soll eigentlich die christliche Botschaft sein. So versucht es auch Papst Franziskus in seinen Ansprachen zu vermitteln. Zurzeit aber, so scheint es, stehen alle guten Ansätze nur im Schatten der Krisenbewältigung.

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