Silbermöwe

Mittwoch, 26. August 2020

Ein Kampf ums Überleben

Die katholische Kirche ruft angesichts der globalen Corona-Pandemie für den 6. September zu einem „Sonntag der Solidarität auf“

In den armen Ländern des Südens – zum Beispiel in Indien – bringt die Corona-Pandemie auch den Hunger zurück. (Foto: actionpress)

Das Corona-Virus trifft alle Menschen weltweit. Schutzlos sind sie in Lateinamerika, Afrika, Asien oder im Osten Europas der Pandemie ausgeliefert. Corona bedeutet dort nicht allein Krankheit. Schlimme Folgen sind auch Hunger, Arbeitslosigkeit und ein Kampf ums Überleben.

Wo schon vor der Pandemie ein schlechtes Gesundheitssystem, der Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit, Menschenrechtsverletzungen, Flucht, Gewalt oder gar Krieg den Alltag der Menschen bestimmten, kommt jetzt noch Corona hinzu.
Der „Corona-Hunger“ ist in Delhi, Lagos, Kiew, Tirana oder Manaus bittere Realität. Corona trifft die Armen und die große Zahl der in der Schattenwirtschaft Beschäftigten doppelt. Wir in Deutschland kennen auch Einschränkungen und Ängste wegen Corona. Wir können mit den Menschen weltweit mitfühlen, die unsere Solidarität brauchen. Ihre Situation ist ungleich schwieriger als die etwa bei uns. Corona und die Folgen der Pandemie stellen nach den Worten des Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick vor allem die ärmeren Länder vor gigantische Herausforderungen. So nehme die Zahl der Hungernden derzeit in erschreckender Weise zu, so der Weltkirche-Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz. „Jüngste Studien zeigen: Bis zu 70 Millionen Menschen könnten schon in naher Zukunft zum Heer der Hungernden hinzukommen.“

Die Situation ist dramatisch
In den Armutsvierteln der Megastädte, in den Favelas und Slums des globalen Südens breitet sich das Virus sehr schnell aus. Indigene Völker können dem Virus kaum etwas entgegensetzen. Auch im Osten Europas ist das Gesundheitssystem überfordert. Besonderen Schutz benötigen die Menschen in den Flüchtlingslagern. Abstand halten und Hygiene sind dort kaum möglich.
Wie dramatisch die Situation ist, schildert Beate Kästle Silva aus dem Bistum Speyer, die viele Jahre das Comviva-Straßenkinderprojekt im brasilianischen Caruaru geleitet hat und in enger Verbindung zu den dortigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern steht: „In den vergangenen Wochen und Monaten haben wir uns mit aller Kraft bemüht, unseren Kindern und Jugendlichen und ihren Familien in dieser schwierigen Situation zur Seite zu stehen. Die Regierung verhält sich verantwortungslos und lässt die Dinge laufen, ohne ein gezieltes Maßnahmenpaket auszuarbeiten. Nur isolierte Einschränkungen wurden vorgenommen. So wurden alle Schulen und Universitäten geschlossen. Diese Regelung hat sich auch auf alle Sozialeinrichtungen ausgewirkt, und so musste auch Comviva seine Aktivitäten einschränken. Die Projektarbeit konnte nicht mehr in der gewohnten Form fortgeführt werden. Für die Kinder und Jugendlichen war das ein großer Schock. Die meisten von ihnen sind auf die Mahlzeiten in unseren Einrichtungen angewiesen. So waren auch viele sehr verängstigt und haben geweint, da sie Angst hatten, entweder am Corona-Virus oder an Hunger zu sterben.
Für die in großer Armut lebenden Familien ist es eigentlich unmöglich, Abstand und Hygiene einzuhalten. Das erhöht das Risiko für eine Infektion sehr. Das Team war durch diese Notlage sehr besorgt und bewegt. (...) Zunächst haben wir aus unseren Vorräten Notpakete mit Lebensmittel gepackt und zu den Familien gebracht. Hinzu kommt das Brot, das weiterhin in unserer Projektbäckerei produziert wird. Die Gewalt gegen Kinder, Jugendliche und Frauen nimmt extreme Ausmaße an. Wir führen die Straßenarbeit fort, wenn auch unter schwierigen Bedingungen.“
Aus Indien, einer weiteren Corona-Hotspot-Region mit vielen Infizierten und vielen Toten, schreibt Pater Franklin Rodrigues, der im Bistum Speyer viele Freunde hat: „Menschen sterben bei uns an Covid-19, aber viele starben nicht an diesem Virus, sondern an Hunger und Unterernährung aufgrund des plötzlichen Lockdowns, der von der Regierung verhängt wurde. Die Menschen haben ihre Arbeit, ihren Tageslohn, ihren Lebensunterhalt verloren. Millionen von Arbeitsmigranten liefen Hunderte von Kilometern aus den großen Städten nach Hause, von einem Staat zum anderen, und viele starben unterwegs aufgrund von Hunger und Dehydrierung in der sengenden Sommerhitze.
Viele zogen über die Straßen bei Bhopal  vorbei, und die Landesregierung bat uns, diesen Menschen mit Lebensmitteln usw. zu helfen. Wir halfen so viel, wie wir konnten. Hier in Bhopal im Landesinnern und auch in Kalkutta, wo wir die Ärmsten der Armen, die auf der Straße leben, mit einer warmen Mahlzeit am Tag versorgen.“

Kirche bleibt bei den Menschen
Männer und Frauen der Kirche in Lateinamerika, Afrika, Asien oder Osteuropa bleiben bei den Menschen in Not. Die Ordensleute, Laien und Priester kümmern sich um die Kranken. In Gesundheitsstationen und Krankenhäusern versorgen sie die Infizierten. Sie organisieren Lebensmittel und Hygieneartikel für Dörfer und Stadtviertel. Sie klären über Gefahren der Ansteckung auf und kämpfen gegen Falschmeldungen. Ihre Seelsorge gibt den Menschen Halt in verzweifelten Stunden.Aber auch die Kirche selbst gerät in Not. Kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden krank. Viele sterben an oder mit Corona.
Die Kirche erreicht in Lateinamerika, Afrika, Asien oder im Südosten Europas mit einem dichten Netzwerk die Menschen bis in die kleinsten Orte hinein. Damit kann sie in der Corona-Krise gerade den Ärmsten helfen, die von der Corona-Pandemie am meisten betroffen sind. Die Bistümer, Hilfswerke und Orden in Deutschland verstärken ihre Unterstützung dieses Netzwerkes. Eine solche weltkirchliche Solidarität gehört zum Grundwesen der Kirche und setzt die Frohe Botschaft Jesu Christi in die Tat um.
Die Deutsche Bischofskonferenz, die Bistümer, Hilfswerke und Orden rufen deshalb in weltkirchlicher Verbundenheit am 6. September in Deutschland zur Kollekte und Spenden für die Leidtragenden der Corona-Pandemie weltweit auf. Mit dem Erlös fördert die Kirche in Deutschland die Arbeit ihrer weltkirchlichen Partnerorganisationen in Lateinamerika, Afrika, Asien und dem Südosten Europas.

Für die Aktion ist ein Sonderkonto für Spenden eingerichtet (Verband der Diözesen Deutschlands, Stichwort: Corona-Kollekte 2020, IBAN DE53 4006 0265 0003 8383 03, GENODEM1DKM, Darlehnskasse Münster). Mit dem Erlös fördert die Kirche in Deutschland die Arbeit ihrer weltkirchlichen Werke und der Orden, die in der internationalen Corona-Hilfe aktiv sind.

 

Persönlicher Aufruf: Diese Zeit erlaubt keine Gleichgültigkeit

Weihbischof Otto Georgens, Bischofsvikar für weltkirchliche Aufgaben im Bistum Speyer, ruft in einem eindringlichen Appell zum „Sonntag der Solidarität“ und zur Corona-Sonderkollekte am 6. September auf:

„Diese Zeit erlaubt keine Gleichgültigkeit, denn die ganze Welt leidet und muss sich bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie zusammenschließen.“ Dieser Appell aus der diesjährigen Osterbotschaft von Papst Franziskus ist aktuell noch einmal sehr viel dringlicher geworden.
Die Pandemie bedrängt zwar auch uns in Europa und in Deutschland, fordert Einschränkungen, bedroht Arbeitsplätze – und Leben. Wir können jedoch mit unserer medizinischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Infrastruktur dem Virus die Stirn bieten. In vielen Ländern des globalen Südens sieht das ganz anders aus. In Afrika, Asien und Lateinamerika stehen Millionen Menschen am Abgrund. Vor allem sind es die Armen in den Slums der Städte, in den „abgehängten“ Regionen abseits der Zentren, die indigenen Völker, die leiden – und sterben. Und nicht nur am Virus selbst, sondern an Krankheiten, die sich mit ihm und den überforderten Gesundheitssystemen vieler Länder ausbreiten: Malaria, Tuberkulose oder Masern. Und vergessen wir nicht die Menschen in Krisenregionen, etwa im Nahen Osten und in Flüchtlingscamps, sie sind ebenfalls besonderen Risiken ausgesetzt. 
Die Solidaritätsaktion am 6. September umfasst drei Dimensionen: Gebet, Information und Spenden bzw. Kollekten. Die Bischöfe verstehen den „Sonntag der Solidarität“ ausdrücklich auch als geistliches Ereignis, das die Verbundenheit mit den notleidenden Menschen in aller Welt zum Ausdruck bringt. Die weltkirchliche Solidarität gehört zum Selbstverständnis der Kirche und setzt eine Kernbotschaft des Evangeliums in die Tat um.
Die katholische Kirche verfügt mit ihren Hilfswerken, Partnerschaften und Ordensgemeinschaften über ein enges Netzwerk solidarischer Hilfe – bis in die abgelegensten Winkel der Erde. Ich bitte Sie, helfen Sie rund um den 6. September durch eine Spende mit, dass dieses Netz zu einem großen „Netz der Hoffnung“ wird.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Norbert Rönn
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