Kirche und Welt

Donnerstag, 20. Juli 2017

Ein Vordenker in der Kirche

Der Ludwigshafener Sozialethiker Friedhelm Hengsbach wird 80

Pater Friedhelm Hengsbach – seit Jahrzehnten tritt der Wirtschaftswissenschaftler für soziale Gerechtigkeit ein. Früher war er ein Außenseiter – heute ist das Denken des Jesuiten in vielen Fragen Mainstream. Foto: KNA

Wenn der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach über die Zukunft Europas redet, spricht aus ihm echte Besorgnis. Er verlangt, „den Schlamassel der Institutionen“ zu beenden und für die Europäische Union eine Verfassung zu entwerfen. Und er will ein gewichtigeres Europaparlament. Am 15. Juli wurde der frühere langjährige Chef des Frankfurter Oswald von Nell-Breuning-Instituts für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik 80.

Seit einem knappen Jahrzehnt lebt der Wissenschaftler in Ludwigshafen – „in einer Art Männer-WG“ mit fünf anderen Jesuiten ist er nach eigenem Bekunden „der absolute Oldie“. „So komfortabel wie hier“, sagt er, „habe ich noch nie gewohnt“. Schon die Aussicht von der obersten Etage des Heinrich Pesch Hauses bietet viel: Im Osten Ludwigshafen mit den Rheinbrücken nach Mannheim, im Norden die Industrieanlagen der BASF, im Süden und Westen Ausläufer des Pfälzer Walds.

Nicht geändert hat sich seit Jahrzehnten Hengsbachs Nachdenken über und sein Engagement für soziale Gerechtigkeit. Das langjährige Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac befasst sich etwa mit den Finanzmärkten und deren „spekulative Attacken“ auf Devisen und Nahrungsmittel, er analysiert die deutsche und europäische Sozialpolitik, und er setzt sich mit der Situation der Arbeitnehmer auseinander.

Seine Positionen vertritt der gebürtige Dortmunder, dessen Herz eher für Schalke 04 schlägt, eloquent, aber wissenschaftlich-nüchtern. Immer wieder übte er massive Kritik an der Sozialpolitik von CDU/CSU, FDP, SPD und Grünen. Etwas schonender geht er mit den Linken um. In seinem Einsatz sieht sich der vielfach ausgezeichnete Jesuit „in der Nachfolge von Nell-Breuning, nach dem Engagement im Glauben mit sozialem Engagement einhergeht. Das eine ist Ausdruck des anderen.“

Derzeit treibt ihn die EU um. Ein Ausgangspunkt war, dass ihn „das Mantra Angela Merkels“ ärgerte, Europa sei keine Sozialunion. Er erinnert an die EU-Verträge, in denen Solidarität und Angleichung der Lebensverhältnisse benachteiligter Regionen festgeschrieben sind, an die Grundrechtscharta und Richtlinien für Arbeitszeiten und die Frauengleichstellung. Sein Fazit: „Niemand kann sagen, die EU habe kein soziales Mandat. Außer ich reduziere die EU auf Binnenmarkt und Währungsunion.“

Er zeigt Verständnis dafür, dass es hakt. Die EU-Erweiterung sei schnell vorangetrieben worden, der Ausgleich der Mentalitäten habe nicht Schritt halten können: „Zu fordern, dass der Süden wie der Norden arbeitet oder der Osten wie der Westen denkt, ist widersinnig.“ Die Osteuropäer müssten „erst einmal ihre nationale Identität suchen und finden“. Die Westeuropäer müssten lernen, die Osteuropäer als gleichrangig zu respektieren. Eine Chance sieht er in Donald Trumps Politik: Merkels Formel überzeuge, die EU müsse ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen.

Verändert hat sich in den vergangenen vier Jahren Hengsbach Rolle in der katholischen Kirche. Früher war er mit seinem Denken oft ein Außenseiter, weil er Reformen „an Haupt und Gliedern“ wollte: eine bessere Stellung der Frau, eine andere Sexualmoral, die Abschaffung von Pflichtzölibat und Kirchensteuer. Er ging so weit, der Institution zu bescheinigen, sie sei „von Strukturen der Sünde befallen“. Solche Aussagen machen nicht unbedingt beliebt.

Nach vier Jahren Franziskus sind indes viele Positionen Hengsbachs Mainstream. „Diese Wirtschaft tötet“, formulierte der Jesuit aus Buenos Aires mit Blick darauf, dass Menschen ausgegrenzt und wie Müll behandelt würden. Der Jesuit aus Ludwigshafen, der Franziskus „eine Rebellion von oben“ attestiert, hat es nicht viel anders gesagt.

Die Analyse: „Franziskus blickt skeptisch auf rein strukturelle Veränderungen, Prozesse sind für ihn entscheidender, auch wenn deren Ende nicht absehbar ist.“ Und Hengsbach ist optimistisch, dass „die Gemeinden vor Ort wach geworden sind“. Sie „warten nicht auf den Priester, der ausbleibt, oder den Bischof, der sich nicht traut“. Sie nähmen das, was sie bewegt, selbst in die Hand. Ein Vorbild für Europa. (Michael Jacquemain)

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