Geistliches Leben

Donnerstag, 15. September 2016

Ein widerborstiges Gleichnis

Ausstieg aus einem System, das tötet – Gedanken zum Lukas-Evangelium 16, 10–13 von Professor Hans Kirsch

Das Gleichnis, dass dem heutigen Evangelium vorausgeht und dessen Schlussfolgerung ist, bereitet Predigern immer wieder Schwierigkeiten. Die meisten bleiben bei der traditionellen Auslegung: Der unehrliche Verwalter veruntreue das Vermögen seines Herrn, werde deswegen entlassen und komme auf die schlaue Idee, den Schuldnern auf Kosten seines Herrn einen beträchtlichen Teil ihrer Schulden zu erlassen. Ein Betrüger sei das, der sich damit das Wohlwollen der Schuldner erkaufe. So „klug“ wie er in weltlichen sollten Christen in religiösen Dingen sein. Dies auf heute zu übertragen, zumal wenn ich an die Praktiken mancher Großkonzernen denke, verursacht mir Bauchgrimmen.

Ein Blick in den griechischen Text gibt einen ersten Hinweis für eine ganz andere Auslegung. Dort ist die Rede von einem „Verwalter der Ungerechtigkeit“, was etwas ganz anderes bedeutet als „ungerechter“ oder „unehrlicher Verwalter“. Ein weiterer Blick in die Sozialgeschichte und auf die damaligen rechtlichen Bestimmungen führt zu einem Neuverständnis des Gleichnisses. Wer ist der eigentliche Gauner im Gleichnis? Im jüdischen Recht hat der Verwalter Vollmacht für alles und seine Handlungen sind bindend für den Unternehmer. Wenn der Verwalter also Schulden erlässt, mindert er zwar das Vermögen seines Herrn,  begeht aber keinen Rechtsbruch, kann also nicht als Betrüger bezeichnet werden. Der Unternehmer darf andererseits seinen Bevollmächtigten  jederzeit ohne Angabe von Gründen entlassen. Als Anlass reicht die Verleumdung eines Neiders.

Es gibt aber keine Vertretung bei Delikten, der Herr haftet also nicht bei rechtswidrigen Handlungen seines Verwalters. die strafrechtlichen Folgen hat dieser selbst zu tragen. Hierin liegt das „Pikante“ der Situation, eine Rechtsraffinesse: Die Bibel der Juden verbietet, von einem jüdischen Mitbürger Zins zu nehmen. Nur der Verwalter, der Zinsen einzutreiben hat,  verstößt also gegen religiöses Gebot. Der Unternehmer hingegen bereichert sich ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Danach fällt ihm der erhobene Zins trotz Zinsverbot legal zu. Schmutzigen Hände macht sich nur der Verwalter. Dieses „Spiel“ nicht mitzumachen, würde unweigerlich seine Entlassung bedeuten. Denn mit dem Schuldenmechanismus machten sich „gewisse reiche Männer“,  im Lauf der Jahre zu Großgrundbesitzern. Sie lebten in Jerusalem, der wirtschaftlichen und politischen Machtzentrale des Landes, in der Regel auch mit einem guten Draht zur Römischen Besatzungsmacht.

Der Verwalter weiß, wie die Verschuldung für viele ausgeht: Nach Jahren wächst sie so an, dass der Gläubiger seinem Schuldner sagen kann: Du wirst das alles nie mehr zurückzahlen können; deswegen übernehme ich deine Äcker oder deinen Olivenhain. Von jetzt an wirst du als Pächter darauf arbeiten, in meinem Haus vielleicht auch deine Frau oder Tochter (Schuldversklavung). Solche durch Darlehensgabe und Zinsnahme herbeigeführten Enteignungsprozesse waren ein übliches Geschäftsmodell. Es führte zu Abhängigkeit und Armut einer ehemals freien Bauernschaft zugunsten des stetigen Anstiegs der Macht und des Reichtums einer skrupellosen „Elite“.

Dabei war der Verwalter sozusagen ein Transmissionsriemen; er kannte den Mechanismus und  sah die Folgen auf beiden Seiten. So besinnt er sich auf  die Weisung der Tora, die Zinsnahme unter Juden verbietet und entscheidet sich für das „Geschäftsmodell“ seiner Bibel: „Bei euch soll es keine Armen geben“. Also ruft er die Schuldner einzeln zu sich und lässt die Schuldscheine ändern, von 100 Fässchen Öl auf 50, und von 100 Sack Weizen auf 80. Das entsprach dem damals üblichen Aufschlag von 100 Prozent bei Öl und 25 Prozent bei Weizen.

Das ist ein rechtskräftiges und rechtskonformes Geschäft; obwohl er den Profit seines Herrn mindert, macht sich der Verwalter nicht strafbar. Vielmehr erfüllt er damit ein wichtiges religiöses Gebot und nimmt seinen Mitbürgern drückende Lasten ab. Mit Recht darf er hoffen, „in ihre Häuser“  aufgenommen zu werden und später „in die ewigen Wohnungen“. Zurecht wird er dafür gelobt und auch uns heute als Vorbild empfohlen.

Auch wir sind z.B. bei Schnäppchenjagd, Kreuzfahrten, Handykauf als „Transmissionsriemen“ in den Götzendienst am Mammon der Ungerechtigkeit eingespannt. Vielfältig und meist ohne es zu bemerken oder zu wollen, beteiligen wir uns an und profitieren wir von den unüberschaubaren globalen Mechanismen der Ausbeutung und Zerstörung von Mensch und Natur. Weil „diese Wirtschaft tötet“ (Papst Franziskus) muss unsere Kirche endlich das narzisstische Um-sich-selbst-kreisen beenden und sich der Welt zuwenden, vornehmlich der Welt der Armen. Sie sind das christliche Kriterium der Qualität einer Gesellschaft, und nicht das Bruttosozialprodukt. Die Frage, wie es den Armen geht, ist wichtiger als die Frage, was ich mir noch kaufen könnte. Nicht alles, was der Geldbeutel leisten kann, können wir uns wirklich leisten. Auch in redlich verdientem Geld steckt Mammon der Ungerechtigkeit, der tötet. Hier sind wir als Christen besonders gefragt.

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