Geistliches Leben

Donnerstag, 24. März 2016

Ein Zweifler als Vorbild

Der Apostel Thomas will nicht nur verstehen, sondern begreifen – Gedanken zum Johannes-Evangelium 20, 19–31 von Pastoralreferent Thomas Stephan

Aus dem Kreis der Jünger kommt der Apostel Thomas traditionell nicht gut weg. Ihm haftet seit jeher der unrühmliche Beiname „der Ungläubige“ an. Er gilt als der große Zweifler unter den zwölf Aposteln, der die Berichte über den auferstandenen Jesus Christus nicht glauben kann. Es genügt ihm auch nicht, dass die anderen Apostel von Jesus Hände und Seite – also die Wunden – gezeigt bekamen und sie ihm beteuerten, die Wundmale gesehen zu haben. Thomas verlangt gegenüber den anderen handfeste Beweise, indem er fordert: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe, wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“

Interessant ist die zweimalige Betonung der „Male der Nägel“, die für Thomas von entscheidender Bedeutung zu sein scheinen. Wie dem auch sei, Thomas wollte die Verletzungen und Wunden Jesu nicht nur sehen, sondern sie auch noch anfassen. Er kommt damit einem großen Bedürfnis des Menschen an sich nach, nämlich Dinge, Aussagen, Begebenheiten handfest „be-greifen“ zu wollen. Etwas zu verstehen ist eine Kopfsache, viel tiefer geht es, wenn ich eine Sache wirklich „be-griffen“ habe. Ihm geht es also darum, auf intensive Weise Verbindung herzustellen.

Mit Zweiflern geht man landläufig hart ins Gericht. Sie werden als Bremsklotz angesehen, die einem raschen Voranschreiten im Weg stehen. Sie stellen „Mein-ungen“ in Frage und somit wird ihr Ansinnen oft als persönlicher Angriff missverstanden, denn was „mein“ ist, gilt seit jeher als schützenswert. Besonders wenn es um Glaubensüberzeugungen geht, sind viele Menschen äußerst dünnhäutig. So ist es verständlich, dass empfindsame Gemüter es geradezu als Affront ansehen müssen, dass einer der Zwölf, also einer aus dem engsten Zirkel, aus dem engsten Kreis um Jesus, so vermeintlich ignorant sein konnte. Da muss die Aufforderung Jesu gegenüber Thomas: „Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ als Zurechtweisung verstanden worden sein: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“.

Was soll das mit den Wundmalen? Diese Fixiertheit auf eine scheinbar unbedeutende Begebenheit ist von großer Relevanz. Zeigt sich doch in den Wundmalen die Kontinuität zwischen dem irdischen, dem gekreuzigten Jesus und dem auferstanden Heiland. Er ist derselbe und dennoch ist er verändert beziehungsweise verwandelt. Das, was war, was zu seinem Leiden dazugehört hat, ist durch die Auferstehung nicht einfach weg, es hat aber seinen Schrecken verloren. Jesus kann offen zu seinen Wunden stehen, ohne sich die Blöße zu geben. An dieser Stelle sei bemerkt, wie heilsam und gut es für viele heute wäre, wenn sie ihre „Wunden“ anderen zeigen könnten, ohne Angst haben zu müssen, dadurch wieder verletzlicher zu werden?

Thomas kommt im heutigen Evangelium auf seine Art zum größten Jesusbekenntnis, das man sich eigentlich vorstellen kann: „Mein Herr und mein Gott!“ Prägnanter kann man es nicht auf den Punkt bringen – und das ausgerechnet von einem, der eher gern belächelt als wertgeschätzt wird. Sein hartnäckiger Zweifel hat zu einem starken Glauben geführt. Dementsprechend dürfen alle Zweifler und „Sich-Zeit-lasser“ getrost sich Thomas als Vorbild nehmen. Aber auch die Schnellen und Voranprescher können sich von Thomas eine Scheibe abschneiden, nämlich nicht einfach alles gleich zu glauben hat auch seine Vorteile. Fünfzig Prozent Beziehung und einhundert Prozent Engagement ist kein optimales Verhältnis, wenn es um den Glauben an Jesus geht.

Nicht nur weil ich selbst Thomas heiße, kann ich den Apostel Thomas als mein Vorbild bezeichnen, denn wer nicht alles und jedem gleich hinterher rennt, sondern nachhakt, hinschaut und begreifen will, kann wirklich glaubwürdig sein.

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